Born to be brav

Vor kurzem verblies mich das Schicksal in einen Vier-Stern-Kasten in einer deutschen Messestadt. Ein Hotel für Geschäftsleute, mit allen Klischees, die das Genre bietet: Japaner, die “Hai, hai” in ihre Mobiltelefone hecheln, Managertypen beim einsamen Mittagessen mit Blick auf den zugedeckten Pool und überall die Flugköfferchen mit Ziehgestell und Rollen, Markenzeichen der Vielreisenden.

Doch beim Frühstücksbuffet entdecke ich drei Männer, die überhaupt nicht in dieses krawattige Ambiente mit seiner Mischung aus Bilanzsorgenfalten und Spesenfröhlichkeit passen: Abgewetztes Lederoutfit, Zottelfrisur, Dreitagebart und Ich-hatte-grade-einen-Joint-Gesichter. Rockband, vermute ich, und kann meine Augen nicht mehr von der Truppe wenden. Verblüfft stelle ich fest, dass das rebellische Image, das die Kluft vermittelt, Fassade bleibt. Brav stellen sich die wilden Typen vor dem Müeslischalter an, kein lautes Wort kommt über ihre Lippen, diskret verziehen sie sich in ein Eck und schlürfen ihren Kaffee und knabbern an ihren Brötchen.

Ich bin enttäuscht. Weder bewerfen sie sich gegenseitig mit der exquisiten Teebeutelselektion, noch schütten sie einem Manager Multivitaminsaft in den Kragen, noch bringen sie der hübschesten Frau im Raum ein Ständchen, noch sperren sie deren Begleiter ins Klo.

Das sollen die Typen sein, die unsere unanständigen Träume von Wild- und Freiheit ausleben sollen? Aber wahrscheinlich haben sie das – so sind nun mal die Zeiten – als Dienstleistung erkannt und tun es nur noch gegen Gage.

 

Mallorca Zeitung 2003