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Chance auf ein neues Mallorca

Einen monumentalen Wutanfall erlitt meine Tochter, als sie nach ihrem zweiten Geburtstag erkennen musste, dass die am Vortag geschmissene Party keine grundlegende Reorganisation unseres Lebensstils bedeutete. Das erinnert mich an die Reaktionen auf die drohenden Minuszahlen im Mallorca-Tourismus. Man diskutiert ja seit Jahren, ob die Party auf diesem 3.684 Quadratkilometer kleinen, meistbesuchten Reiseziel der Welt nicht schon zu lange dauert. Trotzdem jagte eine Rekordziffer die nächste, während Infrastruktur und Toleranz zu wanken begannen. Und trotzdem wollten die mit der lauteren Stimme – nicht die mit den lauteren Absichten – die Sobrasada auspressen, bis ihnen die Schweinehaut um die Ohren geflogen wäre.

Die Krise gönnt der Insel eine Atempause. Die fotogerecht blühenden Mandelhaine zwischen Industriegebieten und Neubausiedlungen werden nicht auf das empirische Romantik-Minimum zusammengestutzt, und bei den nächsten Diskussionen über Naturschutzgebiete könnte es weniger Morddrohungen hageln. Es wäre der Moment, das neue, verbesserte Mallorca zu schaffen und sich auch auf jene Werte zu besinnen, die nicht unmittelbar durch einen deutschen Käufer “bedroht” sind. Wir verlören weniger Zeit im Stau und entdeckten preisgünstigere Facetten von Lebensqualität.

Die Kanareninsel Lanzarote hat Selbstbeschränkung vorgemacht. Mallorca könnte nun, unter dem Eindruck der Entwicklung, zumindest so tun als ob.

 

Mallorca Zeitung 2002