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Der Charme des Stromausfalls

Ab 65 km/h Windgeschwindigkeit und mehr als zehn Liter Regen pro Stunde und Quadratmeter fällt bei uns mit mathematischer Zuverlässigkeit der Strom aus. Das gibt mir oft Gelegenheit, ein interessantes Phänomen zu studieren: Das Stromausfall-Paradox. Es besteht darin, dass wir plötzlich mehr Zeit für uns selbst haben, wenn all die elektrischen Apparate, die uns angeblich Zeit ersparen, nicht mehr funktionieren.

Nun will ich keineswegs gegen die Errungenschaften der Technik loslegen. Ein Leben ohne Internet und elektrische Kuchenteigmixer ist unvorstellbar geworden. Und auch Kerzenlichtromantik hat ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn man vor Sorge nicht einschlafen kann, weil im Treppenhaus eine Kerze brennt, damit die zu Besuch weilende Oma bei ihrer Klo-Expedition um zwei Uhr morgens keine Stufe abbeisst – offenes Licht, mein Gott, wenn das umfällt und ein Vorhang Feuer fängt …!

Die langen Weilen ohne Strom sind jedenfalls nie langweilig. Die materielle Qualität des Daseins wird von etwas Neuem und eigentlich Altem abgelöst. Gespräche statt Glotze, Stille statt Dauerberieselung, Erotik statt E-Business. Was man auf teuren Seminaren lernt, nämlich Rückkehr zu Sinn und Sinnlichkeit, kommt mit dem Blackout gratis.

Autofreie Tage funktionieren nie, aber ein stromloser Tag pro Monat – Knopfdruck genügt, warum eigentlich nicht?

 

Mallorca Zeitung 2003