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Die Felipitizia-Reality-Show

Als ein schon vor der Geburt entkaiserter Österreicher mache ich mir Gedanken um die Krone, ihren Nutzen und ihre – u.a. von mir getragenen – Kosten. Meine Theorie: Europas Königshäuser sind rentabel, weil die größte und beste Reality-Show auf dem Markt. Sie versorgen ein Millionenpublikum mit Märchen, deren Wettbewerbsvorteil der absolute Realitätsgehalt ist. Wo Big Brother-Formate mit Krampf “künstliche Realitäten” erzeugen, um sie als Geschichten zu verkaufen (A liebt B, B findet A einen Trottel, C macht sich an A heran. D knutscht C, usw.), räumt ein Spektakel wie die Felipitizianische Liebesgeschichte alle Rivalen beiseite. Denn die Uniformen sind echt, die Titel sind beurkundet, viele der gezeigten Gefühle dürften authentisch sein, und der Aufwand ist jenseits jeglicher Big Brother-Budgets. Nur gibt’s keine Infrarotkameras im Schlafgemach, was den meisten aber eh lieber ist.

Das adelige Privatleben ist somit Teil einer gigantischen Märchenerzählmaschine im Stil einer endlosen Daily Soap. Es ist der Preis für die Privilegien. Wenn Letizia Skifahren lernt, lauert die halbe Weltpresse mit Teleobjektiven am Gegenhang, und wenn sie eine Jungfichte niederkneisselt oder mit ihrem Allerhöchstwertesten eine Schneekoppe flachbügelt, macht es tausendmal klick. Sowas muss man aushalten.

Jeder Mensch ist in seinem Inneren ein Kind. Und der Psychiater Bruno Bettelheim sagte: Kinder brauchen Märchen. Prinzen wie Felipe und Schneewittchen wie Letizia liefern sie.

 

Mallorca Zeitung 2004