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Diskret in den Fettnapf

Vor kurzem erlitten wir einen jener Besuche, die jemand meint, uns abstatten zu müssen, damit es nicht heißt, er besuche uns nicht. Fünf Minuten hätten theoretisch ausgereicht, denn eigentlich ging es nur darum, das Vorbeigeschaut-Haben offiziell vermerken zu können, und eventuell noch darum, personelle Veränderungen im Hausstand zu registrieren (frisches Baby? Getrennt und neu bepartnert?). Der Besuch war allzu offensichtlich so angelegt, dass ein perfekter Vorwand zum baldigen Aufbruch bestand, nämlich knapp vor einem Abendessen anderswo. Der extra gebackene Kuchen war rasch vertilgt, und eine Tasse Tee ging sich eben noch aus. Jeder Versuch eines „Upgradings” des Palavers zum Gespräch wurde mit gezielten Banalitäten ins Abseits gegurkt.

Was jedoch mein Unbehagen in Irritation umschlagen ließ, war das häufige und ach so diskrete Auf-die-Uhr-Schauen meines Gegenübers immer dann, wenn ich gerade woandershin sah. Blöderweise gibt es einen Augenwinkel, und der ist bei Männern besonders ausgeprägt, weil in urigen Zeiten Machos, deren Augenwinkel nicht funktionierte, von wilden Tieren oder Menschen genetisch aussortiert wurden.

Nicht weniger irritierend war die späte Erkenntnis, dass viele meiner Gesprächspartner, bei denen ich genauso idiotisch-diskret auf die Uhr geäugt habe, das mitbekommen und ihre Schlüsse gezogen haben.

Schwacher Trost, dass es in einigen Fällen die korrekten Schlussfolgerungen waren. Höflichkeit ist mehr als Zier. Sorry, ich lerne noch.

 

Mallorca Zeitung 2004