Home > Kolumnenkiste > Freunde der China-Oper

Freunde der China-Oper

In der Filmkomödie “Manche mögen’s heiß” parodiert Billy Wilder ein Mafia-Meeting in Florida, das sich – nein wie unverdächtig – als Versammlung der “Freunde der italienischen Oper” tarnt. Ähnlich originell agierten jene Chinesen, die beim illegalen Einschleusen von Landsleuten nach Mallorca  ertappt wurden. Ihre Tarnung (also das erraten Sie NIE): China-Restaurants.

Meine Gedanken schweifen zurück zu meinem bisher einzigen Besuch eines solchen Etablissements. Es war die Stunde des Abendessens, und obwohl in dem Lokal rund zweitausend Gäste Platz hatten, waren wir mutterseelenallein in einem wahren Meer aus Tischen und Stühlen. Ebenso einsam der Kellner, der zugleich als Koch, Maitre, Barman und Kassier fungierte. Die gewaltige Kapazität seines Ladens bekümmerte ihn nicht, doch bei unserem Erscheinen wirkte er überrascht, ja nahezu entsetzt. Das Entsetzen übertrug sich rasch auf uns. Die “Nudeln mit vier Köstlichkeiten” entpuppten sich als Pastapappe mit vier Scheußlichkeiten. Wir schworen tausend Eide, nie wieder ein Scheinrestaurant in Verlegenheit zu bringen. Später kam mir die Meldung über jenes China-Restaurant in Budapest in den Sinn, das als Einwandererschleuse aufflog, weil es nur vier Tische, aber fünfzig fest angestellte Kellner hatte.

Ich glaube, dass wir auf Mallorca bald die erste Versammlung der “Freunde der chinesischen Oper” sehen werden.

 

Mallorca Zeitung 2002