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Keine offenen Türen mehr

Nachdem der Pfarrer über Weihnachten frei nach dem Motto “Leise rieselt der weiße Stoff” seiner Gemeinde reinen Wein über das Drogenproblem eingeschenkt hatte, wurde nun auch im Rathaus darüber diskutiert. Die Rede ist nicht vom Großstädtchen Palma de Mallorca, sondern von einem Dorf im idyllischen Landesinneren: Santa Margalida. Dass in anderen Dörfern kein Drogenproblem diskutiert wird, heißt nicht, dass es dort nicht existiert, sondern lediglich, dass es dort nicht diskutiert wird. In Binissalem zum Beispiel wird der Brauch, die Haustür offen zu lassen, nur noch von Wenigen praktiziert, denn Binissalem liegt an der Bahnlinie, und mit der Bahn fahren Junkies aus Palma in die Dörfer und testen die Türen, und wenn sie im Hausinneren erwischt werden, schützen sie vor, sich in der Adresse geirrt zu haben, und wenn sie das geklaute Portemonnaie in der Hand haben, erzählen sie, das hätte auf der Straße gelegen.

Santa Margalida liegt nicht an der Bahnlinie, aber das Dorf ist mit der großen weiten Welt durch TV, Internet und diskrete Versorgung mit dem erwähnten Stoff verbunden. Drogen sind sogar in wesentlich kleineren Dörfern präsent, in dieser Hinsicht ist die Insel schon jetzt wie eine große Stadt, nur dummerweise ohne deren Vorzüge. Im Nachbardorf ist vor ein paar Jahren ein Mann von seinem drogensüchtigen Sohn zu Tode geprügelt worden. Kein Grund für den Gemeinderat, über das Drogenproblem zu diskutieren. Denn ein Drogenproblem ist immer nur ein Einzelfall.

 

Mallorca Zeitung 2005