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Kuss-Kuss in Rabat

Spaniens neuer Präsident Zapatero ist beidbeinig in seinen ersten Fettnapf gehüpft. Seine Ankündigung, ab jetzt sei alles Bussi-Bussi zwischen Marokko und Spanien, ist ein Eigentor mit Zeitzünder. Eine zeitlang wird es in Rabat scheinbar zum Nulltarif Rosen regnen. Doch irgendjemand führt dort immer Buch. Und wehe Zapatero, wenn die Rechnung kommt.

Die herrschende Klasse des nordafrikanischen Königreichs – an ihrer Spitze ein König, den zu kritisieren strafrechtlich geahndet wird – spielt clever mit beim Honeymoon-Theater. Je weiter sie Zapatero in ihre Charmefalle lockt und je großmäuliger der präsidiale Anfänger eine neue Ära der Süd-Nord-Beziehungen verkündet, umso kräfter haben sie ihn an den “cojones”, wenn es später um handfeste Interessen geht. Da reicht dann schon eine “undiplomatische Bemerkung” über die hunderttausend Sahrawis, die aufgrund von Marokkos Nichterfüllung zahlreicher UN-Resolutionen in der algerischen Wüste vor sich hindarben, und schon ist Schluss mit Honig. Eines nicht allzu fernen Tages wird Zapatero die Wahl haben, von der Opposition zerfleischt oder von Rabat über den Tisch gezogen zu werden. Mit ein wenig Pech blüht ihm sogar beides.

Doch er ist in guter Gesellschaft. Nahezu alle Westpolitiker sind in Rabat schon eingeseift worden und wussten danach nicht mehr, wie man das Wort “Diktatur” buchstabiert. Oder “UN-Resolutionen”. Oder “Westsahara”. Oder “Haschischplantagen”. Oder “Immigrationsmafia”. Für sie war am Ende alles Kuss-Kuss.

 

Mallorca Zeitung 2004