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Löksill, Prinskorv, Saffransbullar

Weihnachten stellt Residenten vor eine schwierige Wahl: Stille Nacht auf Deutsch oder Mallorquinisch? Pflege der Wurzeln oder Aufbruch ins Neue? Multikulti oder Integration? Gelöst wurde mein Gewissenskonflikt durch die Einladung zu einer schwedischen Weihnachtsfeier. Diese fand im Heim eines Mallorquiners statt. Die Organisatorinnen waren zwei mit Spaniern verheiratete Schwedinnen, die uns in die Bräuche eines Landes einführten, das Weihnachten bei klirrenden Minusgraden begeht.

Zu solchen hat es der Klimawandel hier noch nicht gebracht, womit das angeleierte Ritualbesäufnis schon in den Ansätzen versickerte, obwohl es mit nordischer Disziplin begann. Wir grölten schwedisches Liedgut – “Helan gar, sjung Hopp Falleralla Lallan Lej”, eine Ballade über das Austrinken hochprozentigen Fusels – und wussten bald, dass “Helan gaaar” das Stichwort zum Ex-Hopp und anschließenden Verzehr eines Stücks Hering mit Kartoffel war. Bald nahm die nordische Fiesta ihren südlichen Gang und statt das Synchronbechern zu trainieren, mampften (Speisen s. Titel) und quatschten wir nur noch, bis sich alle die Bäuche hielten und eine verdauende Stille einzog. (Daher also Stille Nacht). Während dieser meditativen Phase bestirnrunzelte ich das Phänomen kulturelle Identität und dachte plötzlich: Schon komisch, wie uns Europäern die Geburt eines Juden namens Jesus in der damaligen römischen Provinz Palästina die gute alte Sonnwendfeier umgekrempelt hat.

 

Mallorca Zeitung 2001