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Luis und Eugenia im Wunderland

Termin in einer sehr modernen Klinik. Der Bau ist ein Muster an minimalistischer Klarheit. Auch der kleine Warteraum meines Facharztes ist sehr modern und minimalistisch. Keine Pflanze verkitscht das Ambiente, kein Wandbild bricht die Ästhetik der weißen Flächen, keine Zeitschrift lenkt unnötig von der Reinheit der Architektur ab. Ehrfürchtige Flüsterstille erfüllt den Raum. Die Patienten können sich ganz der Meditation widmen, oder ihren Schmerzen. Asiaten nennen diese Leere Zen.

Auftritt Luis (6) und Eugenia (7). Meditation ist nicht ihr Ding und die Flüsterstille geht samt Zen den Bach runter. Die beiden zählen laut die Stühle im Wartezimmer und zählen nochmal nach, untersuchen und testen laut den Türknauf, zählen laut bis neunzig, balgen sich um eine Gremialbroschüre für Halsnasenohrenärzte und entwischen immer wieder in den Gang, um zu sehen, ob wenigstens dort was los ist. Papa ringt um Kontrolle, bittet, fleht, befiehlt, droht. Er erfindet sogar eine Hexe, die jetzt gleich käme, doch Eugenia hebelt ihn aus: “Hexen sind meine Freundinnen.” Endlich werden sie zum Doktor gerufen. Durch drei geschlossene Türen höre ich: “Lass das liegen! Das gehört nicht dir! Luis, bleib hier! Eugenia, setz dich endlich hin!”

Alle Bemühungen der Raumgestalter, Lebenslust und Neugier zu unterdrücken, werden von Luis und Eugenia souverän ignoriert. Ich habe innerlich (laut) applaudiert.

 

Mallorca Zeitung 2002