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Maler – so reich und so tot

Was würden Sie mit 104 Millionen Dollar anfangen? Jemand hat kürzlich genau diese Summe für einen Picasso bezahlt. Die Medien verkündeten den Versteigerungsrekord voller Aufregung, aber trotz der unvorstellbaren Höhe dieses Geldberges für einen Holzrahmen, einen knappen Quadratmeter Leinwand und etwas Farbe drauf war niemand so recht verstört oder gar neidisch. Warum auch, der Maler ist ja tot. Aber stellen wir uns spaßeshalber vor, ein lebender Künstler erhielte einen solchen Megabatzen Geld für eines seiner Werke. Mir klingen die Ohren beim Gedanken an die Kommentare derselben Neidgesellschaft, die achselzuckend hinnimmt, dass nach dem Tod eines Künstlers die Erben, Händler, Spekulanten und Sammler ihren Reibach machen, während oft genug der Veranwortliche für diesen Reichtum zu Lebzeiten Mühe hatte, das Geld für die Farbtuben zusammenzukratzen.

Freilich: Picasso durfte die Früchte seines Genies, seines Fleißes und dieser ungeheuer riskanten Entscheidung, Künstler zu werden – für 99 Prozent seiner Kollegen bedeutet sie einen lebenslangen Kampf um das Existenzminimum -, Gott sei Dank noch selbst genießen. Aber als er das 104 Millionen Dollar-Bild malte, war er 24 Jahre alt und alles andere als Millionär.

Dass Gemälde mit dem Tod des Malers an Wert gewinnen, entlarvt den Kunstmarkt als nekrophilen Spekulantenzirkus. Ich applaudiere jedem Maler, der es schafft, zu Lebzeiten abzusahnen. Es lebe die Kunst! Es lebe der Künstler! Und ein dreifaches Viva seinem Bankkonto!

 

Mallorca Zeitung 2004