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Modernes Mallorca: Virtuelle Viehzucht

Ein ottomanisches Sprichwort besagt: Der Staatssäckel ist wie das Meer, und wer sich daraus nicht bedient, ist ein Trottel. Das dachte wohl auch jener Mallorquiner, der für eine nicht existente Kuhherde jahrelang den Subventionsrahm abschöpfte. Obwohl diese virtuelle Viehzucht den EU-Steuerzahler vermutlich billiger kommt als die reelle, musste der Geisterkuhhirt vor den Kadi. Dort rechtfertigte er sich nicht etwa damit, neue Ideen zur Bewältigung der europäischen Agrar-Überproduktion beitragen zu wollen, sondern zweifelte die Kompetenz der klagenden Regierung an und versuchte Zeit zu gewinnen, um neunzig Kuh-Todeszertifikate zu besorgen. Der Richter war aber auch kein Ochse und erinnerte daran, dass das im Subventionsansuchen genannte Terrain nie im Besitz oder in Pacht des Rindererfinders gewesen war – zur Phantomherde die Gespensterweide. Gezwinkert muss er aber haben, der Richter, denn er verdonnerte den kreativen Agrarier nicht zu einer Strafe, sondern lediglich zur Rückerstattung jener Subventionen, die noch nicht verjährt waren, Motto: Ohne Kuh zahlst du.

Auf Fuerteventura sind sie ausgebuffter, da karren die Bauern ihre Schafe kreuz und quer über die Insel und schaffen Subventionsherden, die es temporär wirklich gibt. Und bevor wir Nordlichter hochmütig werden, erinnere ich an den Fall eines deutschen Schreibtischsoldaten, der sich eine ganze Bundeswehrkompanie erfand und jahrelang deren Verpflegungsgeld kassierte.

Die Ottomanen wussten, wovon sie sprachen.

 

Mallorca Zeitung 2004