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Orang-Utans auf der Kühlerhaube

Vor ein paar Jahren entwischten zwei Orang-Utans aus dem Privatzoo eines exzentrischen Millionärs, tauchten plötzlich auf der Straße Palma-Sóller auf und provozierten allseitige Notbremsungen. Noch ehe die Autofahrer “mich laust der Affe” sagen konnten, war der Verkehr lahmgelegt und die Orang-Utans hüpften auf den Kühlerhauben und Dächern der Fahrzeuge herum. Unter den Automobilisten befand sich eine Studentin, die auf dem Weg zur einer Prüfung an der Uni war. Mit großer Verspätung traf sie ein. Nach dem Grund ihrer Unpünktlichkeit befragt, antwortete sie wahrheitsgemäß, ein Orang-Utan sei ihr aufs Auto gesprungen. Die Professoren lachten schallend und ermahnten das Mädchen, in Hinkunft glaubwürdigere Ausreden zu erfinden.

Zum Glück der Studentin trafen nach und nach weitere Personen ein, die im selben Stau steckengeblieben waren und dieselbe unglaubliche Anekdote erzählten.

Die Moral von der Geschichte ist, was ich das Mallorca-Paradox nennen will: Egal ob positiv oder negativ, je unwahrscheinlicher eine Mallorca-Story klingt, umso wahrscheinlicher ist sie. Wenn Sie hören, dass Art Garfunkel in einem mallorquinischen Bergkaff ein Konzert gibt, oder dass von dreißigtausend illegal gebauten Häusern nur eines abgerissen werden soll, nämlich das von Boris Becker, dann können Sie es im Sinne des Mallorca-Paradoxes als “eher wahrscheinlich” einstufen. Denken Sie an die Orang-Utans auf der Kühlerhaube.

 

Mallorca Zeitung 2002