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Overkill im Spielzeugladen

Helle Aufregung in einem Spielzeugladen in Palma: Eine Verkäuferin hat zwischen Bauklötzen und Babyrasseln eine Kakerlake entdeckt! Sofort bricht das Pendant zur Alarmstufe Rot bei den nationalen Streitkräften aus. Während die Kolleginnen mit gellenden Schreien – “Eine Kakerlake, eine Kakerlake!” – durch den Laden rennen und sich die Haare raufen, bewahrt eine der Verkäuferinnen kühles Blut und holt eine Spraydose mit Insektengift hervor. Ein toxischer Sprühnebel geht über dem Spielzeug nieder, und über dem Insekt, das sich zu spät als harmloser Grashüpfer ausweist. In ihrer Erregung sprüht Doña Terminator die halbe Dose leer, sodass der Grashüpfer wahrscheinlich im Insektizidtümpel ertrunken ist, bevor die Nervengifte wirksam wurden.

Die Szene, die sich genau so abgespielt hat, vermittelt die folgenden Erkenntnisse:

Erstens muss man wahnsinnig sein, wenn man neues Spielzeit nicht dekontaminiert, bevor man es den Kindern aushändigt. Zweitens muss man wahnsinnig sein, ein solches Geschäft zu betreten, vor allem, wenn man ein Grashüpfer ist. Drittens verdeutlicht die Episode das moderne Verständnis von Hygiene: Sauberkeit um jeden Preis, auch den der Gesundheit. Viertens wird klar, dass nicht nur moderne Streitkräfte lieber aus der Entfernung kämpfen, sondern auch Otto Normalkiller (nicht dass der Grashüpfer damit viel gewinnt, aber Zerquetschen wäre wenn schon nicht tier-, so doch umweltfreundlicher).

Auch verstehe ich endlich, warum Michael Jackson mit einer Gesichtsmaske rumrennt. Ist wahrscheinlich Dauerkunde in extrem hygienischen Spielzeugläden.

 

Mallorca Zeitung 2003