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Recht und Gesetz und Verwirrung

Nicht nur Behörden reagieren oft launenhaft und je nach Interessenlage auf illegale Aktivitäten. Ein Beispiel für merkwürdiges Rechtsempfinden geben derzeit die Arbeiter zweier Steinbrüche, die mangels Lizenz stillgelegt wurden. Statt gegen die Bosse zu demonstrieren, die seit Jahren illegal einen Berg abtragen, machen die Kumpels Krawall vor der Behörde. Im Kontrast dazu steht die Nachricht, dass Manacors berühmter “Wolkenkratzer” legalisiert werden soll. (Ich wusste gar nicht, dass der illegal war. Schon faszinierend, dass man einen Steinwurf von Kirche und Rathaus entfernt zwölf Etagen hochziehen konnte, ohne dass irgendein Rathäusler gesagt hätte: “He, Sie! Ja Sie! Was tun Sie da eigentlich?”).

Dazu kommt, dass das Recht keine mathematische Angelegenheit ist. Wenn man die Meldungen über die Streitereien um Legalität oder Illegalität eines Projektes stark zusammenfasst und aneinander reiht, ähnelt das Ergebnis einem Gespräch zweier Sechsjähriger: “Ist legal” – “Ist es nicht” – “Ist es doch” – “Ist es nicht”, und das geht so lange, bis der Stärkere auf den Tisch haut.

Dieses Tohuwabohu ist teilweise der Neuverteilung der Kompetenzen seit Spaniens Demokratisierung und Regionalisierung zuzuschreiben. Früher bestimmte Madrid und Punkt. Heute bestimmt Madrid zuweilen nicht mal mehr, wer bestimmt. Das Wirrwarr ist für Zuseher lustig und für Anwälte ein ewiger Quell des Wohlstands, aber für die Betroffenen eine Qual. Es sei denn, man ist der Stärkere.

 

Mallorca Zeitung 2004