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Schön schlank, schön fett, schön blöd

Als meine Frau kürzlich den Diätkostladen besuchte, um garantiert bleifreie Bio-Reisbröselkekse, ideologisch unbedenkliche Dörraprikosen und rinderwahnbereinigte Öko-Suppenwürfel zu kaufen, geriet sie in einen Mob junger Mädchen, der sich kreischend um die neuesten Blitzdiätprodukte prügelte. Das wäre nicht beunruhigend, denn der Frühling dräut und bald werden die Hüllen fallen, was jene, die mit ihrer Figur unglücklich sind, vor die Wahl stellt: Hungern, zu Hause bleiben oder sich den Inquisitionsblicken einer Gesellschaft aussetzen, die von Frauen verlangt, mit aufgedonnerten, elektronisch retouchierten und mit Kampfdiäten auf Haute Couture-Maße niedergemagerten Fotomodellen zu konkurrieren.

Die Mädchen jedoch, die nach kalorienfreien Leckereien gierten, hatten alle eine ganz normale Figur. Sie waren weder fett noch mager und würden sich, vermute ich, genau so am wohlsten fühlen, wäre da nicht der Psychoterror der Mode und der Hungermaßkleidung von Modehäusern.

Was gesundheitsschädliche Schönheitsideale betrifft, haben wir kaum Fortschritte gemacht. Maya-Kinder mussten schielen und sich die Stirn mit Holzplatten flach pressen lassen. In der Sahara werden heiratsfähige Mädchen bis zur Bewegungslosigkeit gemästet. Japanerinnen lassen sich ihre asiatischen Augen wegoperieren und Schwarzafrikanerinnen zerstören ihre Haut mit Bleichmitteln. Weil die Gesellschaft es verlangt.

Schön ist manchmal schön blöd.

 

Mallorca Zeitung 2002