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Schwerkraft gilt auch in Calviá

Ein Torrente ist, wie jeder integrierte Resident weiß, ein Flussbett, das nur dann Wasser führt, wenn es geschüttet hat, also ein Teilzeitfluss. Und der Mensch ist, wie jedes Mitglied der Spezies argwöhnt, manchmal nicht wahnsinnig clever. In Calviá haben Fachleute nach sechs Jahren (!) intensiver Studien herausgefunden, dass die Entwässerungsprobleme der Urbanisation Son Ferrer am besten damit zu lösen wären, indem man einen alten, vor etwa fünfzig Jahren zugeschütteten Torrente wieder ausbaggert. Anders gesagt: Man ist zum Schluss gekommen, dass die Gesetze der Schwerkraft auch in den Gemarkungen der Gemeinde Calviá Gültigkeit haben.

Mir ist unbekannt, welche Scharfdenker vor einem halben Jahrhundert beschlossen, den Torrente einfach zuzuschütten, so als ob Landschaft und Klima per Gemeinderatsbeschluss umorganisiert werden könnten. Es gehört ja zur Gegenwartsmentalität des Menschen, dass es nur mal ein paar Jahre viel regnen muss, und schon werden die Zisternen versiegelt, oder ein paar Jahre wenig, und schon werden Torrentes annulliert. Palmas Stadtväter zum Beispiel erwogen vor Jahren ernsthaft den Plan, im Flussbett der Riera ein Parkhaus zu errichten, mit einem Röhrchen für das bisschen Wasser, das ab und zu hier durchwill. Spätestens der Jahrhundertsturm vom November 2001 hätte das Hafenbecken in einen Autofriedhof verwandelt. Aber gelegentlich siegt die Vernunft.

 

Mallorca Zeitung 2002