Wahlkrampf

Ein eilig in die Landschaft genagelter Schienenstrang schafft es gerade rechtzeitig bis Manacor. Ex-Ölpestminister Matas lächelt immer breiter, denn die galizischen Flecken auf seiner Weste werden mit jedem Tag blasser. Bautrupps des Inselrates fallen über jahrelang vernachlässigte Müllsammelstellen her. Es wird eröffnet und eingeweiht auf Dimoni komm raus. Haben wir in dieser politisch ausgewogenen Verhunzung jemanden ausgelassen? Ach ja, den Wähler. Das für sein Kurzzeitgedächtnis, aber auch für seine “Unzuverlässigkeit” berüchtigte Wesen. Nach ihm grasen auf breiter Front die Phrasendrescher das Land ab. Und nicht einmal der Irak ist zu weit entfernt, wenn es darum geht, den PP-Kuhdorfbürgermeister in Verlegenheit zu bringen (dessen Mauschelei mit dem örtlichen Immobilienmafioso bleibt tabu, man kennt einander schließlich).

Wahlkrampf auf Mallorca. Ein System, in dem die Belegschaft unkündbar ist und lediglich die Bosse gefeuert werden, genannt Demokratie, produziert einmal mehr das unnachahmliche Kurzzeitbiotop des Wahlkämpfers. Amateure versuchen sich zeigefingerschwenkend in Polemik, Profis spielen so überzeugend den allseits Sympathischen, dass sogar die eigene Familie darauf reinfällt.

Sind alle gleich, grummelt der Wähler wieder. Und macht dann wieder das Kreuz bei dem, der am virtuosesten manipuliert. Oder warum sonst wird Wahlkampf genau so betrieben?

 

Mallorca Zeitung 2003