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Wie entsteht ein Autorenporträt?

Wissen Sie, wie die Porträtfotos von Schriftstellern zustandekommen? Ich stelle ja selber schrift, und mein erster Verlag verzweifelte an mir, weil ich für den Umschlag meines Erstlingswerks kein Foto vorlegen konnte, auf dem ich nicht entweder esse oder dämlich grinse. Für etwelchen zukünftigen Bedarf (mein derzeitiger Verlag übt weisen Verzicht), wandte ich mich an einen einschlägig bekannten Fotografen. Er verlangte, ich möge entweder in etwas Schwarzem oder aber im Strickpulli anrücken, “Intello oder Wildnis, dazwischen gibt’s nix”, warnte mich davor, mich zu kämmen, und riet, jemand Gescheiten mitzubringen, mit dem ich angeregt diskutieren könnte, wegen dem Gesichtsausdruck. Meine gescheiten Freunde waren alle zu gescheit, um ihre Zeit zu verschwenden, und ich musste allein ins Studio. Der Fotograf verlangte, mein Blick solle Tiefe, Schärfe und Geist ausdrücken, und meine Miene “entweder ironische Brillianz oder düstere Melancholie, dazwischen gibt’s nix.” Ich entschied mich für ironische Brillianz und guckte so tief, scharf und geistig ich konnte, aber der Fotograf schüttelte nur den Kopf. Nach drei Stunden ergebnislosen Bemühens und schon einigermaßen erschöpft griff er zu einem billigen Trick (wie er mir später gestand), indem er eine riesige Tafel Schokolade in meinem Blickfeld platzierte. Ich begann nachzugrübeln, wie ich ein Stück davon ergattern konnte, meine Augen verengten sich scharfsinnig und mein Mund verzog sich nachdenklich. Es machte “Klick” und der Fotograf schrie: “Phantastisch!”

 

Mallorca Zeitung 2003