Home > Kolumnenkiste > Willy und Jaume sehen Fußball

Willy und Jaume sehen Fußball

Willy lebt in einem kleinen Dorf im Pla. Mit seinem Nachbarn Jaume verbindet ihn höfliche Nichtbeachtung, die Mallorquiner sind ein reserviertes Volk. Doch an diesem Sonntag fragt Jaume: “Willy, könnte ich bei dir das WM-Finale gucken, meine Frau will Wasserball sehen und wir haben nur einen Fernseher.” Es ist das erste Mal in zehn Jahren, dass Jaume Willy um einen Gefallen bittet, und Willy erkennt sofort die Chance zur Integration. “Aber natürlich!”

Punkt dreizehn Uhr klopft’s an der Tür. Willy öffnet erwartungsfroh und prallt zurück: Jaume trägt ein T-Shirt mit Ronaldo-Visage, ein brasilianisches Papierfähnchen und drei Flaschen Corona-Bier. “Du bist für Brasilien?” ruft Willy aus. “Naturalmente”, sagt Jaume. “Ich schrei doch nicht für die Deutschen.”

Gemeinsam nehmen sie vor dem Fernseher Platz. Bis zur zweiten Halbzeit geht alles gut. Als das erste Tor für Brasilien fällt, wirft Willy einen Aschenbecher an die Wand, während Jaume – der mallorquinische Fußballfan ist zurückhaltend – mit seinem Fähnchen wedelt und “Mecachis” sagt. Beim 2:0 macht Willy Anstalten, die Einrichtung zu demolieren, beginnend mit einem Ikea-Einbauschrank aus Brasilien. Jaume schwenkt wieder sein Fähnchen und bemerkt leise: “Gol.”

Am Ende des Matches nagt Willy am Stamm seiner Zimmerpalme und Jaume entfernt sich mit tänzelndem Sambaschritt. Es ist doch schön, wenn Fremde einander durch Fußball näherkommen.

 

Mallorca Zeitung 2002