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Wir sind die Naturkatastrophe

Die Beharrlichkeit, mit der Politiker und Medien in seltener Einigkeit von “Naturkatastrophen” sprechen, beginnt mich zu ärgern. Nehmen wir als Beispiel die Überschwemmungen in Mitteleuropa. Klarerweise muss es ungewöhnlich stark regnen, damit es soweit kommt, aber hier endet sie schon, die “Naturkatastrophe”. Der Tropfen, der auf die Erde fällt, könnte von gesundem Waldboden wie von einem Schwamm aufgesogen und mit großer Verzögerung an einen Bach abgegeben werden. Die Überschwemmung könnte weit milder ausfallen. Blöderweise ist nur wenig Wald übrig, also trifft der Tropfen, den wir auf seiner Reise begleiten, auf erodierten Boden, auf eine Skipiste, auf Asphalt und vertrollt sich ruckzuck ins nächste Bachbett. Wenn er Pech hat, ist dieses betoniert. Nun kann er nicht mehr anders – er muss überschwemmen.

Dabei sieht unser Tropfen Häuser in Zonen, die früher als Überschwemmungsgebiete dienten. Bebaut, weil die Wasserläufe ja “reguliert” sind, alles unter Kontrolle, hähä. Und nun stehen die Bewohner klitschnass auf den Dächern, ballen die Fäuste und rufen: Verdammte, katastrophale Natur!

Ich frage mich, ob der Ausdruck “Naturkatastrophe” nicht ein Trick all jener ist, die uns mit dem Argument “Umweltschutz killt Arbeitsplätze” dazu überredet haben, immer mehr Natur in “produktive Fläche” umzuwandeln.

Der Trick hat auch diesmal funktioniert. Sie haben ihr Scherflein im Trockenen.

 

Mallorca Zeitung 2002