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Mediterrane Briefe - 16

Also jetzt hier in Palenque

4. September 2008

 

Zu gerne hätte ich über Putins Panik gesprochen, dass Obama Präsident werden könnte, und seine verschlungenen Manöver wie aus einem Le Carré-Roman, um zu verhindern, dass die USA ausgerechnet jetzt wieder „beliebt“ und „nett“ werden, Putin braucht einen Russenfresser als US-Präsidenten, er braucht eine aggressive US-Außenpolitik, damit nicht plötzlich Russland und Russland allein als Bösewicht dasteht, aber eigentlich sind das zu große Themen für mich. Sprechen wir stattdessen über Palenque.

Palenque ist eine magische, versunkene Maya-Stadt im Dschungel von Mexiko, und natürlich eine Touristenattraktion. Vor langer, langer Zeit kam dort ein Reisebus an, in dem vierzig Deutsche saßen und meine Wenigkeit als Reiseführer. Ich spulte das Programm ab, erklärte Ruinen und Fresken und erzählte Geschichte und Geschichten, doch etwas fehlte, bzw. jemand: Touristin Nr. 41 lag mit Durchfall im Hotel.

Am Nachmittag fühlte sie sich besser, also boten der Busfahrer und ich der Dame an, sie vom Hotel, wo die Gruppe sich ausruhte, zur einige Kilometer entfernten archäologischen Zone zu bringen, denn so oft kommt man nicht in eine magische, versunkene Dschungelstadt.

Das Angebot wurde dankend angenommen, der Ehemann kam auch mit, doch als wir auf dem Hauptplatz von Palenque standen, vor uns Pyramiden und Paläste wie aus Indiana Jones, und ich ein wenig erklären wollte, da winkte der Gatte – so einer mit Sandalen und weißen Socken – nervös ab, nein, nein, das mache er schon, er hätte am Vormittag aufgepasst, er werde seiner Frau das alles erklären.

Ich ahnte, woher die Nervosität kam. Dass der Busfahrer und ich Überstunden und –kilometer machten, konnte nur mit unserer Hoffnung auf Trinkgeld erklärt werden, darum Nein Danke. Tatsache war hingegen: In dem Kaff konnte man ohnehin nichts unternehmen, uns war langweilig, und sobald wir bei diesen Touren die Hauptstadt verließen, waren wir mental ohnehin darauf eingestellt, ganz der Gruppe zur Verfügung zu stehen. Trinkgeld war immer willkommen, klar, aber das wurde normalerweise am letzten Tag übergeben, es war uns in Palenque ziemlich egal, ehrlich.

Mit blieb nichts anderes übrig, als die Haltung des Deutschen zu respektieren. Ich blieb aber neben ihm stehen, um den Auftakt der Erklärung mitzubekommen. Und dieser erste Satz, mit dem der gute Mann seiner guten Frau die Magie von Palenque erklärte, ist mir in den zwanzig Jahren, die seither verflossen sind, Wort für Wort im Gedächtnis haften geblieben. Stille. Räuspern. Eine ausladende Geste. Dann: „Das sind also jetzt hier die Pyramiden“.

Analyse: 7 Wörter, davon 3 unnötige Füllwörter, aber eigentlich war der ganze Satz unnötig, denn die Frau hatte ja Augen im Kopf. Der Satz war das verbale Äquivalent zu Montezumas Rache, eine semantische Meisterleistung, und das im schwülen Dschungel.

Ich entfernte mich diskret, denn wie eine Dschungelkatze sprang mich die Angst vor einer solidarischen Depression an. Auch hätte meine Anwesenheit die Lage nur verschlimmert. Statt Palenque zu erklären, erklärte er wahrscheinlich nur, wie man das Trinkgeld vermeiden könne.

Schade. Eine magische, versunkene Maya-Stadt im Dschungel von Mexiko bekommt man nicht alle Tage zu sehen.

Aber dieser Satz …!

 

Thomas Fitzner © 2008