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Mediterrane Briefe - 14

Ba-, Ba-, Banküberfall

26. Juli 2008

 

Was sind Sie doch für ein Lebenskünstler! Wohnen auf einer mediterranen Insel in einem alten Haus in einem kleinen Dorf weit weg von den Touristenhorden, müssen zwar fast eine halbe Stunde mit dem Auto fahren, um vernünftig einzukaufen, haben aber auch allen Schattenseiten der urbanen Modernität den Rücken gekehrt. Verkehrsstau, Lärm, Stress, Kriminalität? Hahahahahahahaha, was ist das bitte?

Ihre Besucher beneiden Sie, bewundern die Bougainvilea in Ihrem Garten und gestehen, dass auch sie von so einem Leben immer schon geträumt haben, aber ach ja, der Beruf, die Sprache, der Sprung ins Ungewisse, jedenfalls: Toll, gratuliere!

Gemach, lieber Besucher, gemach. Auch hier, im „ursprünglichen“ Inneren der mediterranen Insel, im Kuhdorf, wo noch der Eselkarren aufs Feld fährt und die Omas und Opas, statt als „Silversurfer“ im World Wide Web herumzuschlurfen, ihre Flechstühle vor die Haustür stellen und das schüttere Dorfleben beobachten, auch hier hat die urbane Modernität Einzug gehalten.

Vor ein paar Tagen lese ich in der Zeitung, dass in einem Nachbardorf mit gerade mal 800 Einwohnern, wo also theoretisch jeder jeden kennt und nun wirklich in der Provinz angesiedelt, wie sie tiefer nicht geht, zwei Geheimbordelle ausgehoben und neun Personen wegen sexueller Ausbeutung festgenommen wurden. Die Mädchen, die hier „arbeiteten“, waren natürlich keine Dorfschönen mit kontrollierter Herkunftsbezeichnung „Producte Balear“, sondern großteils aus Brasilien importiert. Mit anderen Worten: Die Globalisierung in ihrer ganzen Wucht und mit ihrem ganzen Charme hat nun auch das kleine Dorf im Inneren der mediterranen Insel erreicht.

Freilich lässt sich das globale Böse in so einem Umfeld nicht immer zu hundert Prozent umsetzen. In einem anderen Nachbardorf, etwas mehr als tausend Seelen groß, fand vor einiger Zeit ein Banküberfall statt. Ein echter, mit Bankräuber, Pistole und geraubtem Geld. Allerdings lief die Episode mehr im Stil einer Ruralparodie auf urbane Phänomene ab, bzw. als mediterrane Variante der Kriminalverarschung der Blödelmusiker „Erste Allgemeine Verunsicherung“.

Zunächst staunt man, dass es in so einem Mikrodorf überhaupt eine Bank gibt. Jedoch zu glauben, dass die genauso funktioniert wie eine Filiale in der Inselhauptstadt, war der erste böse Irrtum des bösen Bankräubers. Stichwort: Öffnungszeiten. Die Filiale macht laut Anschlag erst um 11.00 Uhr auf und schon um 12.30 Uhr wieder zu, im Dorf nehmen wir’s gemächlich. Zweiter Irrtum: Der Bankräuber kundschaftete seinen Tatort nicht aus. Eine Sache sind die offiziellen Öffnungszeiten, eine ganz – gaaaaaaaanz – andere, wann der gemütliche Dorf-Bank-Präsident sich tatsächlich von seinem Platz im nahen Café erhebt und allmählich, gaaaaaaanz allmählich seine Schritte in die Filiale lenkt.

Jedenfalls: Der Bankräuber stand mit besten bösen Absichten am helllichten Vormittag vor einer überraschenderweise verschlossenen Filiale. Als er trotzdem die Tür andrückte, ging diese auf, denn merke: offizielle Öffnungszeiten und das reale Versperrtsein einer Tür sind bei einer ruralen Bankfiliale zwei ganz – gaaaaanz – unterschiedliche Angelegenheiten.

Drinnen die nächste Überraschung: Nicht der verschnarchte Bankmensch blickte in die Mündung einer Pistole und dachte: das Landleben auf einer mediterranen Insel ist auch nicht mehr, was es früher mal war, sondern eine Reinigungskraft. Gemeinsam schafften sie es, ein paar tausend Euro zusammenzukratzen, dann war der Bankräuber zufrieden – was blieb ihm auch anderes übrig? – und er flüchtete Hals über Kopf.

Rural geht es weiter. Nicht bei einer Straßensperre, nicht nach spektakulärer Verfolgungsjagd, nicht im „verruchten Viertel der Inselhauptstadt“ wurde er gefasst, sondern auf einem verschnarchten Provinzbahnhof. Vermutlich kam der Polizei eine Zugverspätung zu Hilfe, es würde jedenfalls in die Choreographie dieses „Kriminalfalls“ passen. Die Reinigungsdame identifizierte ihn problemlos, denn der Bankräuber hatte sich für sein Freizeitprojekt nicht einmal verkleidet. In der Folge löst sich das Schauermärchen in einem menschlichen Drama auf: Südamerikanischer Immigrant kann seine Hypothek nicht mehr abzahlen, kauft sich eine Spielzeugpistole und sucht sich eine Bankfiliale in einem verschnarchten Dorf in der Inselmitte.

Man kann also nicht wirklich von einem dramatischen Verbrechen sprechen, bestenfalls von dramatischer Hilflosigkeit.

Wenn sich mediterrane Dörfer dem Globalen und Urbanen schon nicht erwehren können, schaffen sie es zumindest gelegentlich, diesen Episoden ihre rurale Note zu verleihen. Der Grat zwischen Komödie und Tragödie bleibt ein schmaler, der Nachgeschmack ein schaler. Denn leider ist nicht jeder Überfall, der sich heutzutage noch in den ruhigsten Winkeln der Insel ereignet, ein tragikomischer Ba-, Ba-, Banküberfall.

 

Thomas Fitzner © 2008