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Mediterrane Briefe - 15

Bücherverbrennung, überarbeitete Ausgabe

11. August 2008

 

Die Bücherverbrennung des 21. Jahrhunderts findet statt, wie es sich für das Zeitalter der korporativen Imagepflege gehört: unter dem Deckmantel des Verantwortungsgefühls, in Sorge um die „Sicherheit der Buchhändler, der Mitarbeiter des Verlags und des Verfassers“, also präventiv, d.h. ohne Scheiterhaufen, ohne Rauch und ohne johlendes, fackel- und prügelschwingendes Geschmeiss.

Nicht die Zornpinkel sind es, die das Buch anzünden, nein, wir in der demokratischen Welt schlagen ihnen ein Schnippchen, bei uns tut es der Buchmacher gleich selber. Virtuell sozusagen, indem er das kontroversielle Schriftstück gar nicht erst auf den Markt bringt, es somit dem potenziellen Buchanzünder und Autorenmörder gewissermaßen aus der Hand reißt, bevor der in Aktion treten kann.

Dem Leser sei zu dessen unermesslicher Verblüffung mitgeteilt, dass der Anlass für diesen mediterranen Brief etwas mit dem Islam und islamischen Extremisten zu tun hat. Es ist eigentlich egal. Die bärtigen Zivilisten-in-die-Luft-Sprenger und Freidenker-Niederstecher haben nur die Bresche geschlagen in unsere stolzen Werte, und wir können demnächst zusehen, wer noch aller durchmarschiert. Ku-Klux-Clan. Russische Mafia. Radikale Christen. Rechtsextremisten. Die Botschaft ist klar: Man muss nur glaubwürdig Gewaltbereitschaft vermitteln und schon zeigen westliche Publizitikunternehmen „Verantwortungsgefühl“.

Nein, wie nobel.

Der Eindruck täuscht, ich rege mich nicht auf, ich habe diese Realität seit langem absorbiert. In Wahrheit schreibe ich an diesem Text seit Anno Rushdie. Seit seiner Verurteilung zum Tode wissen wir von der schreibenden Zunft des „freien Westens“ ganz genau, dass die Schere im Kopf schon lange ihren Dienst versieht. Man ist ja nicht blöd. Mit irgendeiner harten Aussage über Mohammed oder den Islam das eigene Leben und die Sicherheit der Familie riskieren (der Wahrheitsgehalt der Aussage spielt hier eine untergeordnete Rolle), nur damit, nachdem man auf einer belebten Straße niedergestochen wurde, westliche Gutmenschen – oft dieselben, denen vom jahrzehntelangen Eindreschen auf die Kirche noch die Knöchel schmerzen – traurig den Kopf schütteln und sagen: „Er hat das aber auch irgendwie provoziert …“?

Nein, danke.

Mittlerweile ist die Bresche in unserer Meinungsfreiheit für jedermann sichtbar. Wenn ein mächtiger Verlag wie Random House wenige Tage vor der mit großem Tamtam geplanten internationalen Präsentation einen Roman doch nicht auf den Markt bringt, weil möglicherweise jemand beleidigt sein könnte – rein zufällig handelt der Roman von Mohammeds Ehefrau Aischa und vollkommen überraschend ist die Nachricht im Spannungsfeld Westen-Islam angesiedelt -, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Präventivmethode auch im Zusammenhang mit anderen Gesellschaftsgruppen Schule macht, die imstande sind, glaubwürdig ihre Gewaltbereitschaft zu vermitteln.

Ein neues Wettrüsten ist in Gang gekommen, subtil, unsichtbar, nur aus Worten und Gesten und dem gelegentlichen demonstrativen Gewaltakt bestehend, der einen Rattenschwanz an sichtbaren und unsichtbaren Reaktionen nach sich zieht. Die Schere im Kopf wird strenger. Ein Verlag zieht ein Buch zurück.

Und das in einer Zeit, in der jeder 14jährige Halbgare imstande ist, sein Handy-Video von der Misshandlung und Demütigung eines Klassenkameraden weltweit zu veröffentlichen. Scheint irgendwie aus dem Lot gekommen, dieses Ding mit der Freiheit des Ausdrucks und den Technologien.

Ich habe den virtuell präventiv verbrannten Roman „The Jewel of Medina“ nicht gelesen – wie auch? -, neige aber dazu, der Autorin Glauben zu schenken, wennn sie versichert, die Geschichte Aischas gründlich recherchiert zu haben. Genau das, liebe Sherry Jones, ist das Problem. Kaum zu glauben, dass Sie das als Journalistin noch nicht mitbekommen haben. Für bestimmte Themen der Aktualität gilt: Je besser Sie eine Geschichte recherchieren, umso problematischer wird deren Veröffentlichung!

Suchen Sie sich für den nächsten Roman ein sicheres Thema, also über eine Gruppe, ein Land, eine Kultur, eine Religion, die man gefahrlos kritisieren kann. Selber schuld, wenn diese Waschlappen keine Gewaltbereitschaft zeigen, um ihre Ehre zu verteidigen, um so etwas wie ein Gleichgewicht der veröffentlichten Meinung herzustellen, wiederherzustellen, oder zumindest den Anschein davon.

Derzeit können Sie zum Beispiel noch immer was Pikantes über die Kirche schreiben, vielleicht sollten Sie sich damit aber beeilen, denn seit einiger Zeit werden auch aus dieser Ecke Stimmen laut, die – und ich kann das nachvollziehen – Gleichbehandlung fordern und für kirchliche Dogmen und Figuren denselben Ehrenschutz einfordern, den die früheren Kirchenprügler kampflos dem Islam zugestanden haben.

Gut gemacht, Leute. Die Hosen sind runter. Und jetzt?

 

Thomas Fitzner © 2008