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Mediterrane Briefe - 12

Das Rätsel der Serie

1. Mai 2008

 

Vor ein paar Tagen sieht mich meine Frau sehr ernst an und fragt mich, ob die Fälle Kampusch und Amstetten irgendetwas über den Charakter des Österreichers aussagen.

Ich verstehe ihre Frage. Sie ist Spanierin und sie ist mit einem Österreicher verheiratet. Irgendwie kommt mir vor, dass sie mich letzthin kontrolliert, wenn ich mit dem Spaten im Garten verschwinde. Ich fühle mich provoziert und antworte: Das liegt uns in den Genen, wir sind potenzielle Massenmörder, Judenvergaser und Kindesmissbraucher, im Dritten Reich waren wir überproportional in den hohen Nazi-Rängen vertreten, und sechzig Jahre Demokratie und Rechtsstaat haben diese genetischen Anlagen nicht zur Gänze ausradieren können.

Und sie fragt: War das jetzt ein Witz?

Da werde ich beinahe sauer, sie ist nämlich hochintelligent. Vielleicht liegt es auch an meinem merkwürdigen Humor, an den sie sich noch immer nicht gewöhnt hat.

Um die Situation zwischen uns zu entspannen, flechte ich ein Gedankengewebe, das ganz meiner Besessenheit mit Medienkultur und Publikumspsychologie geschuldet ist. Horrornachrichten, improvisiere ich, funktionieren wie eine Reality-Serie, und Spekulationen sind darüber erlaubt, ob das nun tatsächlich auf ein rätselhaftes Gesetz der Serie zurückzuführen ist, oder auf das Bedürfnis des Menschen, sich eine Weile lang an einem Thema festzuklammern, und die überhaupt nicht rätselhafte Strategie der Medien, genau dieses Bedürfnis der Leser/Hörer/Seher zu bedienen.

Momentan steht Österreich im Blickpunkt. Erst Kampusch, dann Fritzl, das Monster von Amstetten. Österreich wird im Weltbewusstsein zur Brutstätte von Monstren, die es zuwege bringen, eine perverse Art von Second Life diesseits des Bildschirms auszuleben, eine zweite Existenz, in der sie andere Menschen wie Sklaven halten, in Verstecken, inmitten dicht bewohnter Siedlungen, unbemerkt von Nachbarn, Freunden, Behörden, ja der eigenen Familie.

Vor ein paar Jahren erwischte es Belgien im Zuge des Falles Dutroux. Die Skandalnachrichten wollten nicht abreißen, bis hin zur Flucht dieses, nun ja, Menschen, der kleine Mädchen entführt und Kunden als Sexsklavinnen zur Verfügung gestellt hatte.

Übrigens war auch Dutroux Elektriker, wie das Monster von Amstetten, und beide waren Besitzer von mehreren Immobilien, Dutroux hatte sieben, Fritzl sechs. Aber man darf davon ausgehen, dass perverse Straftäter global doch ein breiteres Spektrum abdecken, dass – um es anderes zu sagen – den Elektrikern dieser Welt erspart bleibt, von ihren Ehepartner gefragt zu werden: He, was ist eigentlich mit euch Elektrikern los?

Dann erinnern wir uns an eine Zeit, in der wir jeden Monat von einem neuerlichen Massaker an einer US-amerikanischen Schule hörten. Eine andere Serie handelte von palästinensischen Selbstmordattentaten, eine wieder andere von Atombombenprojekten in „Schurkenstaaten“.

Wenn eine solche Serie zu Ende geht, fragt sich der um Objektivität bemühte Beobachter: War es das nun wirklich, oder sind die folgenden Nachrichten nur in die Rubrik „Vermischtes aus aller Welt“ gerutscht, weil das Publikum „erschöpft“ ist, oder „genug hat”, und eine neue Serie seine Aufmerksamkeit erheischt?

Anders gefragt: Werden in Belgien keine Kinder mehr entführt, finden in US-Schulen keine Schießereien mehr statt, und haben „Schurkenstaaten“ ihre A-Bomben-Projekte eingestellt?

Werden in Thailand keine Sextouristen mehr mit Minderjährigen „verwöhnt“, ist der Plutoniumschmuggel in Russland unter Kontrolle gebracht, und warum ist im Libanon so lange keine Bombe mehr hochgegangen?

 

Was ist mit den Monsterwellen? Alle auf Urlaub?

Und weil wir dabei sind: Im September vergangenen Jahres bombardierte Israel die Baustelle eines mutmaßlichen Atomreaktors in Syrien, und ausgerechnet in der Woche, als die ganze Welt fassungslos nach Amstetten starrt, wird die Attacke offiziell bestätigt, der Fall mit Fotos und Videos aufgerollt, und irgendwie hat es den Anschein, dass niemand so recht Notiz nimmt. Ein alter österreichischer Perverser als posthume Nebelwand für einen Fliegerangriff in Nahost?

Fast möchte man lachen.

Der Fall Amstetten freilich, das muss man – Nahost hin, Obama her – auch als Österreicher zugeben, hat sich das Medienecho verdient, und auch die Frage ist berechtigt, warum ausgerechnet in der Alpenrepublik solche Fälle ans Tageslicht dringen. Dann muss allerdings auch die Anschlussfrage erlaubt sein, ob es nicht Länder gibt, in denen gar kein Geheimbunker nötig ist, wenn der Macho die eigene Familie terrorisieren und misshandeln will.

Am Ende sehe ich meiner Frau noch einmal tief in die Augen und sage ihr: Ja, was ich zu Beginn über die Österreicher gesagt habe, war prinzipiell als Witz gedacht.

Aber nicht als einer, über den man jemals lachen kann.

 

Thomas Fitzner © 2008