Home > Mediterrane Briefe

Mediterrane Briefe - 13

Der Ölpreis ist zu niedrig

20. Juni 2008

 

Nach zwölf Monaten steigender Preise und steigender Preissteigerungen, nach Schallmauerdurchbrüchen (100 Dollar für ein Fass Brent – das waren noch Zeiten!), nach Protesten und Inflationen und „Maßnahmen“ und „Ankündigungen“ liegt der Schluss nahe: der Ölpreis ist noch immer viel zu niedrig.

Wie anders lässt sich erklären, dass wir an einem Lebensstil festkrallen, den wir uns nur mit einem niedrigen Ölpreis leisten können, wenn wir die Effekte auf die Umwelt – was uns ja niiiiie einfallen würde – mal außer Acht lassen. Niedlich, wenn in Spanien die Trucker auf die Straße gehen und dagegen protestieren, dass es zu wenig Öl für immer mehr Ölverbraucher gibt. Lustig, wenn auf Mallorca die Bauern wieder Traktorparaden abhalten, wegen der Treibstoffpreise.

In den 60er Jahren hat der Club of Rome (happy 40th anniversary! und: ja, der Ölpreis ist voll mediterraner Querbezüge) festgestellt, dass die rücksichtslose und ansteigende Ausbeutung der nicht erneuerbaren Rohstoffe in eine Sackgasse führt. Statt diese vierzig langen Jahre dafür zu nutzen, einen neuen Weg zu finden, haben wir vierzig lange Jahre mit Vollgas auf das Ende dieser grell gekennzeichneten Sackgasse zugehalten und nun, ja, nun …

… protestieren wir, und zwar dagegen, dass wir angekommen sind. Doch, ich finde das irgendwie niedlich.

Give me a break, würde Bill Clinton sagen, zu deutsch: Reich mir einen Bremsklotz. Genau das hätte die Verbrennungsgesellschaft nötig, den Begriff entlehne ich einem Dokumentarfilm des von mir sehr geschätzten Pedro Barbadillo, er – der Begriff – bezeichnet besser als „Industriegesellschaft“ oder „Wohlstandsgesellschaft“ die Essenz unserer Bewirtschaftung dieser unserer endlichen Erde: Verbrennen.

Verbrennungsmotoren, Brennstäbe, Brennereien, brandneue Spielzeuge, Geländewagen für flache Straßen und einen 2000 Liter-Schluck für den Sonntagsausflug mit der Luxusyacht, aber wir sollen bitte behutsam aufs Gaspedal unseres 6 Liter-auf-100-Kilometer-Witzvehikels steigen, wegen der Umwelt nämlich, gell.

Die Frage, ab welchem Ölpreis mal so etwas wie Nachdenken über den Umbau unserer Gewohnheiten einsetzt, ab welchem Ölpreis mal so etwas wie allgemein um sich greifende und nicht auf Extremisten beschränkte Zärtlichkeit für künftige Generationen einsetzt, ist hypothetisch, die bisher sichtbaren Antworten machen Angst. Auf jeden Fall sind die Politiker schuld, das sage ich schon deshalb, damit ich dem Leser sympathisch bleibe, eine sichere Bank.

Am Ende aber will ich es mir doch verscherzen: Solange vergeudet wird, ist der Ölpreis noch zu niedrig. Steig weiter, bitte, denn auf den Club of Rome (happy anniversary!) hat schon damals niemand gehört.

 

Thomas Fitzner © 2008