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Mediterrane Briefe - 6

Ein uraltes Rezept

Dezember 2007

 

Assoziationen sind unkontrollierbar. Sie sind die Lesezeichen unserer persönlichen Geschichte und stellen sich ein, wann immer eine ahnungslose Realität das Stichwort gibt. Manche denken beim Anblick eines Christbaums an den letzten großen Streit der Eltern, manche beim Anblick eines weißen Peugeot an den seinerzeit so gefürchteten Turnlehrer, und manchen krampft sich bis heute jedes Mal, wenn in Tel Aviv vor der Haltestelle ein Bus herunterbremst, der Magen zusammen, weil es genau gleich klingt wie das beginnende Sirenengeheul bei den Raketenangriffen 1991.

Der Anblick der Petruskapelle in der Kathedrale von Palma de Mallorca erinnert mich an eine der rotzigsten Beleidigungen, die ich als Immigrant auf dieser Sonneninsel jemals gehört habe. Wenn ich genauer nachdenke: es war auch die einzige in immerhin 12 Jahren. Dass sie von einem Geistlichen kam, und dass ich sie runterschlucken musste, weil ich hinter einem Interview her war, macht die Sache nicht einfacher.

Die Petruskapelle der mallorquinischen „Seo“ ist ein Wunder, sie verdient sich eine solche Assoziation nicht. Der Künstler Miquel Barceló tritt in einen stummen Dialog mit Gaudí, aus dem gotischen Gerippe schält sich eine Vision des 21. Jahrhunderts, man fragt sich, wie es zustandekam, dass ein moderner Künstler hier keramisch-monumental herumphantasieren durfte.

Mit eben dieser Frage verfolgte ich den besagten Geistlichen. Endlich hatte ich die Verabredung zum Interview in der Tasche und betrat an einem kalten Dezemberabend die Kathedrale, in der es wie in allen Kirchen immer noch ein Stück intensiver dezembert, jännert und februart. Der besagte Geistliche führte gerade eine Gruppe durch die Kathedrale und ich wartete geduldig, bis er die Besucher verabschiedet hatte. Ich stellte mich vor. Woher ich sei, fragte er. Österreich, sagte ich. Er sah mich an und sprach den unvergesslichen Satz: „Sind das dort nicht lauter Nazis?“

Möglicherweise war hier ein kruder Humor am Werk, den man halt nur verstehen muss. Andererseits bin ich sicher, dass auch er nicht lustig gefunden hätte, wenn ich – mit Augenzwinkern, versteht sich – sondiert hätte, ob nicht alle katholische Geistliche Päderasten seien. Diese Replik fiel mir erst später ein, zu verblüfft war ich, und selbst wenn sie mir eingefallen wäre – ich brauchte das Interview, war nur dafür angereist, zudem hätte ich mich damit in einen Wettbewerb der Geschmacklosigkeit eingelassen, den ich – unterstelle ich boshaft – nicht gewinnen konnte, mir fiel also Gott sei Dank nichts Passendes ein, schluckte auch all das Unpassende runter, das mir einfiel, und starrte den besagten Geistlichen nur an.

Ich begegnete ihm später noch mehrmals. Eine Pressekonferenz in Inca ist mir in Erinnerung. Mit diesmal geschliffenerem Humor – man war ja nicht allein – machte er sich über mich lustig, einziger deutschsprachiger Reporter in der Meute, das Gegrinse meiner mallorquinischen Kollegen war ihm sicher. Und ich fragte mich, mehr verwundert als verärgert: Was hat der eigentlich gegen mich?

Heute denke ich, es war pauschale Ablehnung. Das Interview in der Kathedrale verlief übrigens, dem Auftakt zum Trotz, in freundlicher Atmosphäre. Offenbar gelang es mir, mit passablem Spanisch und nicht allzu dummen Fragen seine xenophoben Impulse abzumildern. Und wieder stellte sich eine Assoziation ein, nämlich zu einem Pfarrer, der ein langes Jahr in Kufstein/Tirol damit verbrachte, sich bei jedem Aufrufen meiner Wenigkeit über meinen Familiennamen lustig zu machen: Flitzer, Pfischer, Schlitzer, wie heißt du noch gleich? Das war lustig, vor allem, weil ich der frisch eingetretene Außenseiter war, und die Tiroler Kinder, mit denen ich die Schulbank drückte, lachten auch dankbar, Religionsunterricht kann so langweilig sein, aber der Herr Pflutscher, Lutscher oder wie er hieß, er wusste, wie man für sich Stimmung macht: Man gibt die Minderheit zum Abschuss frei.

Ein uraltes Rezept, und wirkt immer.

Warum ich trotzdem Beißhemmung habe, wenn es um die Kirche geht, erkläre ich ein andermal. Dass ich einem katholischen Verlag das wichtigste Zensurerlebnis meiner Journalistenlaufbahn zu verdanken habe, ist nicht der Grund. Frohe Weihnachten!