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Mediterrane Briefe - 11

Flammendes Inferno

22. April 2008

 

Die leisesten Zweifel, dass wir in einem absolut, ja absolutistisch visuellen Zeitalter leben, wurden mit den Bildern des olympischen Fackellaufs davongeblasen.

Ich erkläre. Wir haben gähnend zugesehen, wie China Tibet unterjocht hat. Wir haben hingenommen, dass China westliche Produkte kopiert und die Welt mit Billigware überflutet hat, und zwar auf der Grundlage von Bedingungen, die für den Arbeiter das Schlechteste des Manchester-Kapitalismus mit dem Schlechtesten des Mao-Kommunismus kombinieren und das Beste beider Welten über einer Minderheit von Privilegierten ausschütten.

Schlimmer noch: Wir haben kühl Preise verglichen und diese Billigware gekauft. Mit einem Achselzucken. Unternehmer sind nach China gepilgert und haben sich nachher darüber beklagt, dass in einem Land mit null Arbeiterrecht, null Menschenrecht und null Urheberrecht auch die Unternehmer keine Rechtssicherheit genießen. Na so eine Überraschung.

Und während das „Powerhouse der Weltwirtschaft“ giftige Rauchwolken in die Atmosphäre stößt, die bis Europa und Amerika die Luft mit dem Aroma des fernöstlichen Wachstumswunders anreichern, haben wir China die Olympischen Spiele gegeben. Vergleiche mit Spielen, die einer anderen Diktatur als Propagandaveranstaltung dienten, blieben aus, einen so wichtigen Handelspartner verärgern wir ja lieber nicht, Werte hin, Werte her.

Und dann, ja dann ging die olympische Flamme auf Reise. Das Symbol der weltweiten Verbrüderung, des Friedens, der Harmonie zwischen den Völkern. Wie hypnotisiert betrachte ich seit einer halben Stunde ein Zeitungsbild, das eine Szene des Fackellaufs in Paris festhält.

Oft ist ein Foto, das einen Moment einfriert, ausdrucksstärker als ein Video. Hier sehe ich eine Szene aus einem Zukunftsroman, oder aus einem Film, der von „Rollerball“ inspiriert sein könnte. Im Zentrum zwei französische Athleten, einer hält die olympische Fackel. Rund um diese beiden sympathischen Gestalten bildet ein Dutzend chinesischer Fackel-Gorillas einen hermetischen Ring: blau-weiße Sportuniform, Sonnenbrille, Kappe, Knopf im Ohr, schwarzer Nierengürtel und alle mit einem Gesichtsausdruck, als seien sie gerade einem Chackie Chan-Karatefilm entsprungen, wo sie die Leibgarde des Bösewichts darstellten.

Rund um diese innere chinesische Verteidigungslinie ein äußerer Ring, gebildet von französischen Polizisten ganz in Schwarz, auf Rollschuhen und mit Helmen.

Einer dieser Rollerball-Polizisten stürzt sich gerade auf einen bulligen Demonstraten, der sich in der Manier eines Rugby-Spielers anschickt, die Verteidigungslinien zu durchbrechen. Möglicherweise hat der Angreifer einen Feuerlöscher in der Hand. Lustig wäre es, wenn darauf stünde: Made in China. Aber das ist auf dem Foto nicht zu sehen.

Soviel also zum visuellen Aufbau eines Bildes, das den Transport des Welt-Verbrüderungs-Symbols durch die französische Kapitale zeigt. Was sagt uns das über das Verhalten des so genannten kritischen Bürgers? Richtig: Er braucht ein Symbol und ein Bild davon. Ohne Bilder des tibetischen Aufstands und ohne das Symbol der Fackel rührt der moderne Bürger keinen Finger. Aus Abu Ghreib kamen Folterbilder: Protest. Aus hunderten Gefängnissen, in denen tagtäglich gefoltert wird – viele davon in Ländern, in denen Abu Ghreib zum Symbol der „amerikanischen Perversion“ erhoben wurde –, kommen keine Bilder. Ergo kein Protest.

Die offene, die transparente Gesellschaft steht permanent am Pranger. Irgendwo prügelt einer von hunderttausend Polizisten einen Bürger, der im schlimmsten Fall noch eine andere Hautfarbe hat. Irgendjemand filmt es. Amerika ist böse. Meldung in der Zeitung, Video in YouTube. Woanders wird bilderlos geprügelt, daher umwabert diesen Ort namens Anderswo eine unverdiente Aura der Unschuld, genährt nicht aus Unwissenheit, sondern aus Bildlosigkeit. Man müsste Berichte von Amnesty International lesen, die nicht ausreichend bebildert sind. Man müsste sich selbst eine Vorstellung machen und sich davon ähnlich beeindrucken und erzürnen lassen wie von einem Bild oder Video.

Aber das geht halt nicht.

Die neuen Technologien tragen die visuelle Durchdringung auch in andere Gesellschaftsformen hinein. Aber es ist ja nicht nur ein technologisches Problem. Wer schützt den Filmenden oder seine Familie vor Repressionen? Und wer boykottiert ein Internetportal, „nur“ weil es vor autokratischen Regimen zu Kreuze kriecht und Selbstzensur betreibt?

Dass eben keine Bilder zirkulieren, aus welchen Gründen immer, ist als Proteststimulanz ungeeignet. Keine Bilder vom israelischen Kind, das von einer palästinensischen Kassam-Rakete zerfetzt wurde, keine Bilder von der Intifadah der Sahrawis, die von marokkanischen Polizisten mundtot geprügelt werden, und keine unautorisierten Bilder aus chinesischen Fabriken.

Wir können nur ein Gedankenexperiment darüber anstellen, was geschehen wäre, hätten die Chinesen den olympischen Fackellauf von vorneherein anders organisiert. Zum Beispiel als kontrollierte Propagandaveranstaltung in den Sportstadien der Weltmetropolen. Kein freies Land (das ist ein Synonym für ängstliche Handelspartner) hätte sich dem widersetzt.

Eine Flamme und eine Handvoll zorniger Aktivisten mit Feuerlöschern reichten, um Chinas gigantische PR-Operation Olympia ins Wanken zu bringen. Macht das Hoffnung?

Der Zunft professioneller PR-Berater ganz bestimmt.

Thomas Fitzner © 2008