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Mediterrane Briefe - 2

Knallfroschbiotope und Keilereien

August 2007

Dorffest auf Mallorca. Zehnjährige Jungen, die Abend für Abend am selben Platz stundenlang Knallfrösche werfen. Nabelfrei aufgedonnerte Sechzehnjährige, die Abend für Abend dieselben hundert Meter auf- und abgehen und dabei erregt konversieren. Das Life-Orchester, das in Glitzerkostümen “die beliebtesten Nostalgieschlager der letzten vierzig Jahre” spielt, und dessen Gitarristen Sie Monate später auf der Bühne eines Jazzkellers wiedererkennen, was ihm sichtbar peinlich ist. Am dritten Tag rennen alle Kinder mit denselben blinkenden Leuchtkrönchen herum (voriges Jahr waren es phosphoreszierende Gummischläuche). Die Hälfte der Leute sucht immer gerade irgendwen, und je später die Stunde, umso zahlreicher die muskulösen Typen mit langem Nackenhaar, die sie nie zuvor im Dorf gesehen haben. Jedes Jahr gibt es auch “die Rauferei”, üblicherweise zwischen Urdörflern und Zugereisten. Und es ist immer dieselbe Bar, die die Sperrstunde nicht einhält, und es sind immer dieselben Nachbarn, deren Klagen nichts fruchten.

Das Rahmenprogramm steht ebenfalls fest. Die Sonderseiten in der Zeitung offerieren das übliche Bürgermeister-Interview mit dem stets selben Titel: “Die Bewohner von (Name des Dorfes eintragen) sind immer mit Begeisterung dabei”. Und wenn alles vorbei ist, fordert die Opposition vom Rathaus monatelang vergebens die Abrechnung zur Kontrolle.

Die Welt mag sich in konstantem Wandel befinden, das Dorffest auf Mallorca ist eine Bastion der Kontinuität.

© Thomas Fitzner, 2007