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Mediterrane Briefe - 9

Komm rein, sieht ja niemand

 

März 2008

Als Rucksacktourist in Barcelona, lang ist es her. Streifzüge durch die Stadt, Modernisme überall, die katalanische Version des Art Nouveau, visuelle Explosionen im Grau der Metropole.

Barcelona ist nicht nur romantisch. Als ich nach meiner Ankunft auf der Terrasse eines Cafés an der Plaza España auf einen Freund warte, versuchen zweimal Diebe, mir meine Fotoausrüstung abzuluchsen. Einmal hat ein „Caco“ meine Fototasche bereits in der Hand und nur ein wütender Zuruf des Kellners vereitelt die Operation. (Einige der Fotos, die ich dank seiner Aufmerksamkeit bei der Weiterreise durch Marokko schieße, gehören zu zwei der Bilderserien dieser Web).

Und mein Quartier, ach ja, „Budget-Reisender“. Eine billige Absteige im gotischen Viertel, halt so richtig authentisch. In der Gasse unterm Fenster wird regelmäßig Atmosphäre produziert, ich lausche dem besoffenen Gebrüll bis lang nach Mitternacht und wundere mich jeden Morgen, dass der Boden nicht mit Leichen gepflastert ist.

Der Palau de la Música gehört zum idyllischen, modernistischen Barcelona. Eher zufällig komme ich vorbei, es ist, glaube ich, am Wochenende, die Stadt ist ziemlich verschnarcht, nur in den Kulturfabriken pulsiert das Leben. Ich muss große Augen gemacht haben, wie ein Kind vor der Vitrine eines Spielzeugladens. Irgendwann schwingen die Türen auf und Leute strömen auf die Straße, elegantes Volk, Musik in den Gesichtern. Es ist Pause, man verdaut das Gehörte, macht Platz für das Kommende. Ein uniformierter Wächter tritt an mich heran. Aha, denke ich. Ich falle wohl unangenehm auf mit meinem zotteligen Globetrotter-Tenue. Wieder mal.

Doch der scharfe Blick bleibt aus. Wie das Publikum wieder zurückströmt, spricht mich der Wächter an. Er ist älter, und ich kann ihn mir streng vorstellen, doch wirkt er eher interessiert, als ob er in meiner Miene etwas ablesen wollte. Schließlich entscheidet er sich. Ob ich das Konzert besuchen wolle? Ich muss ein ziemlich baffes Gesicht gemacht haben, denn er führt aus: Da seien Plätze frei, wenn ich wolle … Er macht diese Geste, die eigentlich für alte Freunde reserviert ist. Komm rein, sieht ja keiner.

Wie in Trance betrete ich den Palau de la Música. Ein modernistisches Märchenschloss. Ich ersaufe in Formen, Farben, und in Musik, die ich nie vorher gehört habe.

In meinen Erinnerungen ist Barcelona eher das. Der alte Wächter, der abwägt, ob mich sein Angebot eher in Verlegenheit bringen oder begeistern wird. Ob ich genügend Kulturbegeisterung aufbringe, um den Regelverstoß zu rechtfertigen. Und dann das Fehlen geeigneter Worte, um zu danken.

Bevor es zu mediterran wird, und auch apropos Uniform, fällt mir die Begegnung mit dem Wiener Polizisten ein, als ich den Wagen, vollgepackt mit Familie, an einem klirrkalten Dezemberabend in der Nähe des Rathauses parke und – ganz ahnungsloser Auslandsösterreicher – den Uniformierten frage, wie sich das mit den Parkscheinen verhalte.

Der Polizist blickt auf seine Uhr und sagt: In einer halben Stunde wird es gratis, und ich komme hier eh nicht mehr vorbei. Und zwinkert dazu, nur für den Fall, dass ich noch dümmer bin, als ich dreinschaue.
Thomas Fitzner © 2008