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Mediterrane Briefe - 4

Kultur ist sexy, oder: Ein aufblasbarer Riesenpenis vertritt das Abendland

Oktober 2007

Nein, der Clash der Zivilisationen ist kein Hirngespinst. Ich sage das mit der Autorität eines Augenzeugen. Im vergangenen Sommer genoss ich das Privileg, einen solchen Clash persönlich mitzuerleben. Schauplatz des Clashes war die alte Festung vor der Kathedrale von Palma de Mallorca, Ses Voltes genannt, früher eine in die Festungsmauern integrierte Kavalleriekaserne, heute ein Kultur- und Happening-Hotspot. (Tun die vielen Anglizismen weh? Gut, ich schalte einen Gang runter).

Dortselbst fand das Begrüßungsfest für mehr als hundert Kinder aus der Westsahara statt, die alljährlich einen Sommerurlaub bei mallorquinischen Familien verbringen. Die Kinder, zwischen acht und zwölf Jahre alt, waren wenige Tage zuvor aus den Flüchtlingslagern der Polisario in der algerischen Wüste abgereist und per Charterflug direkt nach Palma gekommen. Da spielten sie also und rannten in der Gegend herum und schrien und lachten, aufgeregt natürlich, denn manche waren überhaupt zum ersten Mal aus ihrem Lager rausgekommen, auch zum ersten Mal einer fremden Kultur ausgesetzt. Neugierig erklommen sie die Rampen der Festung und betrachteten das Panorama: das Meer, der Hafen, die Schiffe, der Park, die Menschen, und … und …

… und eine Prozession junger Damen, alle im gleichen gelben Rüschenkleid mit schwarzen Punkten. Ich sah sie von Weitem und je näher sie kamen, umso größer wurden meine Augen, denn allmählich schälten sich die Details heraus: Die Dingerchen, die den Mädchen vom Hals baumelten, waren Gummipenisse, komplett mit Hodensäckchen. Und erst mit Verspätung erkannte ich, dass die zentrale Figur des Pulks, nämlich die Dame mit dem Schild „me caso“ (ich heirate), nicht eine zwei Meter lange aufblasbare Schwimmhilfe unter dem Arm trug, sondern einen ebenso aufblasbaren, ebenso langen Penis, auch dieser mit allem Zubehör.

So stöckelten also zehn oder fünfzehn Frauen mit expliziten Fruchtbarkeitssymbolen an mehreren frisch in Europa gelandeten nordafrikanischen Kindern vorbei. Die hatten Mühe, das Gesehene einzuordnen. Die Frage ist, was die Kleinen nach ihrer Rückkehr in die Sahara erzählen werden über ihre Abenteuer im „zivilisierten Norden“. Ich kann nur hoffen, dass die Penisparade nicht der prägende Eindruck des Sommers war, es wird ohnehin schon genug simplifiziert. Weiters bleibt zu hoffen, dass die Grundwerte der westlichen Zivilisation – Freiheit und Gleichberechtigung – auch nochmal sanfter rübergebracht wurden. Obwohl mir im Moment kein Bild einfällt, das den Unterschied zu repressiveren Kulturen in vergleichbar plakativer Weise vermittelt.

 

© Thomas Fitzner, 2007