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Mediterrane Briefe - 21

Lluc!!!!!!!!!!

05. August 2014

Der Zug Inca-Palma winselt durch die Nacht. Vor mir ein junges Pärchen in leichtem Spaziergang-Outfit. Zwei hübsche junge Leute, Optimismus im Blick. Sie liebkosen einander. Das haben sie auch nötig. Sie wollen an Mallorcas brutalstem Volksmarsch teilnehmen. Der beginnt in diesem Jahr am Samstag, 2. August, um 23.00 Uhr, führt über 38 Kilometer Flachland bis nach Caimari und dann fast 10 Kilometer bergauf zum Kloster Lluc. Und ich denke mir: Haben die beiden Hübschen eine Ahnung, worauf sie sich einlassen?

Sie sind nicht allein mit ihrem Optimismus. Als wir aus der Bahn steigen und zum Startplatz gehen, ist das Gewimmel sagenhaft. Später lese ich, dass in diesem Jahr 19.000 Menschen losgezogen sind. Die Calle Aragón, eine der Hauptverkehrsadern von Palma de Mallorca, ist für dieses Ereignis komplett gesperrt.

Volksfest am Start

Volksfest am Start

19.000 Personen waren angemeldet.

19.000 Personen waren angemeldet.

Die Plaza Güell in Palma de Mallorca ist kein schöner schattiger Platz, wie man sich das von einer romantischen mediterranen Inselhauptstadt erwarten würde. Schon der Name ist hässlich. Aber einmal im Jahr bündeln sich hier starke Emotionen, und zwar dann, wenn für Tausende Mallorquiner und Angereiste der Startschuss zum populärsten Pilgermarsch des Jahres fällt, dem berühmt-berüchtigten “Marxa d’es Güell a Lluc a peu”.

Über die Ursprünge gibt es unterschiedliche Versionen. In einer war ein unbedeutender Zwischenfall in der heute nicht mehr bestehenden Bar “Güell” Auslöser der Volksmarsch-Idee, befeuert durch den charismatischen Besitzer des Etablissements. In einer anderen heisst es, in derselben Bar hätten sich einige Freunde getroffen und über einen Unfall gesprochen, bei dem ein kleines Mädchen wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war – wofür sie der Jungfrau von Lluc danken wollten. In jedem Fall waren die Bar “Güell” und ihr Betreiber die Urheber des Marsches, der zuerst nur eine Handvoll Pilgerfans begeisterte, dann zur besten Zeit (1990 herum) bis zu 35.000.

Auf einer Bühne Volkstänze, in einem Coca-Cola-Zelt gibt’s den ersten Stempel, daneben ein kilometerlanger Tisch, an dem man sich bis Sekunden vor dem Startschuss anmelden kann, 3,50 Euro kostet die Einschreibung, und alle machen mit, von Omas und Opas bis zu lässigen Vorstadt-Freaks in Badeschlapfen, von Familien mit Kindern bis zu Gruppen mit Firmen- oder Vereins-T-Shirts. Natürlich sind auch Sportprofis dabei, Jungs und Mädels mit federndem Schritt, Superman-Waden und konzentriertem Blick. Sie suchen die sportliche Herausforderung. Aber es ist auch ein altes Männchen dabei mit einem überdimensionierten Spazierstock, Symbol für eine Pilgerbitte. Für viele ist das mehr als eine sportliche Herausforderung. Das Ziel ist die Heimstatt der Schutzpatronin von Mallorca, und viele suchen mit dem Gewaltmarsch eine innere Reinigung, versuchen sich 48 Kilometer lang etwas sehr Wichtiges aus der Seele zu schreien.
Es sei zugegeben: Auch ich bin so einer.

Start - der Optimismus ist grenzenlos.

Start – der Optimismus ist grenzenlos.

Schon lange vor dem Startschuss – eher ein Startzisch, denn eine Feuerwerksrakete wird in den Himmel geschossen – ziehen zahllose Gruppen los. Der Grund ist triftig: Wer zu spät nach Caimari gelangt, wo die Steigung beginnt, den erwischt die Morgensonne, die augustliche Morgenhitze im schwierigsten, im steilsten Steilstück, dem endlosen Anstieg hinauf nach Lluc. Und der Rücktransport mit Bussen nach Inca wird zur Qual, denn je später man eintrifft, umso länger werden die Warteschlangen. Man möge sich mit Geduld wappnen, warnen die Organisatoren: Wer es bis Lluc schafft, muss warten, denn mitten in der Hochsaison sind Autobusse schwer zu kriegen und teuer.
Die Atmosphäre ist von freudiger Erwartung geprägt, und als es losgeht, ist der Optimismus grenzenlos. Ich muss an die beiden Hübschen denken. Werden wohl auch optimistisch sein. Mich steckt die Stimmung an, am liebsten würde ich loslaufen. Aber ein Rest an Vernunft zwingt mich in ein zwar rasches Gehtempo, doch ich bleibe auf dem Boden. Gut so.
Die ersten Kilometer sind wie ein riesiges wandelndes Volksfest. Ein endloser Schwarm zieht gegen Mitternacht hin durch die Siedlung Pont d’Inca, weitgehend charakterlose Vorstadtästhetik.
Ich halte meine Familie mit Whatsapps auf dem Laufenden und habe damit selbst ein Routenbuch. 23.55 Uhr Bon Sosec, Friedhof und Symbol für einen Politskandal. 0.17 Uhr Bauhaus, es geht auf die Landstrasse nach Santa Maria.
Die Organisation ist beeindruckend. Ortspolizisten und Guardia Civil halten die Strassen strikt unter Kontrolle und lotsen nachtwandelnde Autofahrer in Konvois in jeweils nur einer Richtung an den Tausenden Marschieren vorbei. Alle wissen, wie in der Nacht von Samstag auf Sonntag herumgeprescht wird. Nicht hier, nicht mit der Hälfte der Strasse voller Pilger.
1.02 Uhr Santa Maria, der erste Verpflegungsstop: Wasser und Äpfel. Einige Gruppen mit Jugendlichen gehen mir auf den Wecker, manche haben Ghettoblaster dabei und lassen ihr Umfeld an ihrem, ähem, musikalischen Geschmack teilhaben. Als Allein-Marschierer werde ich zum Lauscher. Jede Gruppe hat ihre eigene Konversation am Laufen, das lenkt auch davon ab, dass die Beine allmählich schwer werden. Santa Maria, da hat man 19 Kilometer in den Beinen. Und die Familien beraten schon: Wer bleibt hier, wer geht weiter? Viele haben Unterstützung von zu Hause, Angehörige warten mit ihren Fahrzeugen, um die Erschöpften nach Hause zu bringen. Aber die meisten sind vom Fieber gepackt. Nach Lluc, das muss zu machen sein!
Nehmen wir’s vorweg: Von 19.000 kommen 5.000 an. Aber das Erstaunlichste: Da kommen Leute an, denen man es nie zugetraut hätte!
1.46 Uhr Consell. Die Erfrischungsstation wird zum ersten Rastlager, aber die Erfahrenen wissen: Wenn man erst mal sitzt und die Schuhe ausgezogen hat, kommt man nur schwer wieder auf die Beine, auf den Weg.
2.26 Uhr Binissalem. Gelegentlich rennen ein paar Junge im Zickzack durch die Gruppe, und ich denke mir: Was für eine Kraftverschwendung!
Noch immer überhole ich ständig, das müssen die Gruppen sein, die schon seit 21.00 Uhr, also zwei Stunden vorher, aufgebrochen sind. Zwischen Binissalem und Lloseta schnappe ich drei exemplarische Konversationen auf. Drei Frauen mittleren Alters, eine erklärt im Detail, wie sie eine Ananas geschnitten und präsentiert hat. Dann ein junges Pärchen, sie zu ihm: Also damit das klar ist, ich will kein Kind mit dir. Dann drei Jugendliche, sie diskutieren über den Transfermarkt und wieviel der FC Barcelona für Rakitic bezahlt hat. Damit ist in etwa das Spektrum der Teilnehmer beschrieben, ein kunterbunter Haufen, aber auffällig viele Jugendliche. Und als ich allmählich auf Gruppen stosse, die in etwa mein Tempo gehen, stechen mir ins Auge: Eine kleine, feste, runde Frau, dunkle Südamerikanerin, mit einer Freundin/Tante oder was weiss ich, und mit ihnen ein bildhübsches Mädchen, die als Chinesin durchginge (oder ist?), geschätzte 13-14 Jahre höchstens, man hört das Mädchen nie jammern, nie klagen, sie marschiert stoisch mit, und jedesmal, wenn ich denke, dass ich, der stramme Langstreckenfreak (der die 100 Kilometer von Biel gemacht hat und den Marathon von Mexiko-Stadt!), hätte sie nun hinter mir gelassen, tauchen sie plötzlich wieder auf. Bis zuletzt. Ich nehme es vorweg: In Lluc standen sie dann mit mir in der Warteschlange, um ihr Diplom abzuholen.
Dann, und noch krasser: Drei junge Frauen und ein junger Mann, wobei mir zwei besonders auffallen. Eine ist offensichtlich eine erfahrene Ausdauersportlerin, eine hübsche und schlanke Spanierin, an der mich die Ökonomie ihrer Bewegungen fasziniert, man hat das Gefühl, sie könnte 200 Kilometer so weitergehen. Sie redet ununterbrochen, aber nicht, weil sie so verquatscht wäre, sondern vor allem, um ihre Freundin von der Strapaze abzulenken. Diese Freundin ist ein ausgesprochenes Bummerl, eine dermassen übergewichtige Frau, dass ich mich schon in Santa Maria gewundert hätte, warum sie nicht schon am Strassenrand darniedergesunken ist. Vor allem aber marschiert sie ganz anders als die Sportliche, nämlich mit Armbewegungen wie Boxhiebe. Aber sie marschiert und marschiert und marschiert, obwohl ich mir bald auf die Zunge trete und mich immer wieder frage: Na, wann wirft sie endlich das Handtuch, die Dicke?
Um auch das vorwegzunehmen: Selbst auf der 10-Kilometer-Steigung nach Lluc taucht die Gruppe wieder vor mir auf, und die Sportliche feuert die Dicke an, ganz offensichtlich könnte die Schlanke den Marsch viel schneller absolvieren, aber als loyale Freundin bleibt sie bei der Dicken, bis zum Ziel, und treibt sie mit ihren Worten zu einem unsagbaren Triumph über sich selbst. Meine Bewunderung für beide ist grenzenlos.
Vor allem, weil ich in Lloseta selbst auf die “Mauer” stosse, also jenen Punkt, ab dem der Körper danach schreit, dass man sich niedersetzen und ausruhen soll, dass das Ganze eigentlich genug ist für heute. Aber an diesem Punkt fehlen noch mehr als 20 Kilometer.
Lloseta (3.26 Uhr, hier stosse ich auf die Gruppe mit der Sportlichen und der Dicken) – Biniamar (3.47 Uhr) – und dann Selva (4.38 Uhr).
Selva ist ein Wendepunkt. Hier stehen das Red Bull-Zelt, hier liegen und sitzen sie zu Hunderten, in einem Ambulanz-Zelt zeigen sie ihre Blasen und Krämpfe und sonstigen schmerzenden Teile, und hier bin ich einmal mehr begeistert von den freiwilligen Helfern, die sich ohne Bezahlung eine Nacht um die Ohren schlagen, um Wasser, Früchte, ermutigende Worte auszuteilen, um über den Verkehr zu wachen und die Strecken zu patrouillieren, damit keiner unbemerkt liegenbleibt. Das Ganze ist toll organisiert, und die Leute verdienen sich alle einen Orden, ich sage das mit Absicht so platt, weil jedes literarische Rumgeschwurbel nur Mist wäre.

Ambulanzstation in Selva

Ambulanzstation in Selva

Von Selva bis Caimari (5.16 Uhr, knapp eine Stunde bis Sonnenaufgang) ist es eine Qual, und ich frage mich, wie das jetzt gehen soll, 10 Kilometer bergauf mit dieser Müdigkeit in den Beinen.
Aber es geht. Erstaunlicherweise. Sind das die Alpengene? Sowie es steil bergauf geht, schaltet mein Körper einen Gang zu, und manchmal habe ich Angst, dass der Rest meines Organismus überfordert ist von dem, was die Beine jetzt plötzlich ganz von allein machen wollen.
Freilich, der Aufstieg ist endlos. Endlos. Eeelendiglich endlos. Wieder eine Kurve. Und noch eine Kehre, und noch eine endlose Gerade, alles bergauf, nur bergauf. Wann kommt endlich der Passübergang?

 

Auf dem letzten Kilometer des Aufstiegs

Auf dem letzten Kilometer des Aufstiegs

Es ist schon hell, als wir ihn endlich vor uns sehen, wir, die Sportliche und die Dicke, die kugelrunde Südamerikanerin und ihre hübsche Tochter, und siehe da, als die letzte Kuppe überwunden ist und es nochmal einen Kilometer bergab geht, sehe ich zu meiner Verblüffung das schicke Pärchen von der Zugfahrt. Auch sie haben es geschafft.

Die letzten Meter.

Die letzten Meter.

Neben mir schlurfen einige Jugendliche auf blossen Socken die letzten Meter hinunter, weil sich ihre Sportschuhe in Wohlgefallen aufgelöst haben.
In der Klostereinfahrt mit seinem langen Garten liegen die Marschierer herum und strecken ihre Gliedmassen aus. Ich tippe mein letztes Whatsapp. Nur vier Buchstaben, aber eine Menge Satzzeichen: “Lluc!!!!!!!!!!”
Es ist 7.20 Uhr, ich krieg mein Diplom. Im Grunde ein Unding, ich werde das Papier ja nicht einrahmen oder herzeigen. Aber trotzdem bin ich irrational glücklich.
Am Eingang fragt ein Teenager, der offenbar noch nie in Lluc war, misstraurisch nach all den Kurven, hinter der wieder nur eine neue Kurve lauerte, ob das nun tatsächlich der Zieleinlauf sei, weil kein Banner, kein Triumphbogen dasteht, weil nichts darauf hinweist – das ist typisch mallorquinisch: Es wissen doch eh alle Menschen auf der Welt, wo dieser berühmte Marsch zu Ende ist -, und als man ihm versichert hat, ja, hier ist das Ziel, sinkt er auf die Knie, umarmt seinen Freund und ruft: “Wir haben es geschafft!”
Am Schluss noch ein kleiner Werbspot für Nike und Hirschtalg: 48 Kilometer Gewaltmarsch in 8 Stunden und 20 Minuten, und keine Blase.

 

Endlich ausruhen: im Klostergarten.

Endlich ausruhen: im Klostergarten.