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Mediterrane Briefe - 10

Mütter, Gorillas, Extremisten

April 2008

Viel wird über die Vorwahlen (Primaries) in den USA geschrieben, aber nur wenig über das faszinierende Panorama der Kandidatenmütter und -großmütter.

Der Republikaner John McCain wird im August 72 und wäre damit, würde er gewählt, älter als jeder andere Präsident vor ihm zum Zeitpunkt der Vereidigung (Ronald Reagan war 70, als er seine 8jährige Amtszeit begann). Das hindert ihn nicht, seine Mama auf die Wahlkampfbühne zu schleppen, Roberta McCain, 95 Jahre alt, Admiralswitwe und noch immer gut zu Fuß.

Dagegen hat ausgerechnet der jüngste Kandidat, Barack Obama, 47, seine Mutter bereits verloren. Dafür wiederum sitzt irgendwo in Kenya eine afrikanische Oma und nimmt mit Nonchalance zur Kenntnis, dass ihr Enkel vielleicht bald den mächtigsten Staat der Erde regieren wird.

Und hier beginnen die Probleme. Die Leibwächter des US-Präsidenten müssen sich ja auch um dessen Verwandtschaft kümmern, damit er nicht persönlich erpresst werden kann, von Entführern etwa. Nun sitzt ein Teil der engsten Verwandtschaft Obamas in einem sicherheitstechnisch, ähem, „problematischen“ Teil der Welt. Möglicherweise wird im Weißen Haus bereits die Operation „Gorillas im Busch“ angedacht, und ich beneide den Verantwortlichen nicht um seine Kopfschmerzen.

In einem ganz anderen Teil der Welt, nämlich in Holland, hat man ebenfalls Kopfschmerzen. Ein rechtslastiger Politiker hat ein Video produziert, in dem Islam und Gewalt gleichgesetzt werden, und nun wird das Video heftig kritisiert, hauptsächlich weil man befürchtet, dass Muslime gewalttätig reagieren könnten.

Moment, lassen Sie mich den Satz neu formulieren: Ein Video, dass dem Islam pauschal Aggressivität gegenüber Nichtmuslimen unterstellt, wurde heftig kritisiert, weil es pauschale Aggressionen gegen Nichtmuslime auslösen könnte.

Halt, der Satz will mir einfach nicht korrekt über die Zunge. Meine Logik ist heute auf einem anderen Gleis unterwegs. Islam und Gewalt, das wissen wir ja, sind zweierlei Kekse.

Lassen wir’s, seien wir konstruktiv. Mein Vorschlag: Verwandeln wir die Affäre in eine Demonstration der Fähigkeit der bekannt friedliebenden islamischen Kultur, selbst im Angesicht polemischer Kritik – wie sie von Muslimen ja auch an der westlichen Kultur geübt wird – in eine Diskussion ohne Gewalt und Drohungen einzutreten.

Fassen Sie das nicht als Feigheit auf, aber ich hab derweil woanders zu tun.

Thomas Fitzner © 2008