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Mediterrane Briefe - 17

Psychopathen lieben Olivenöl

9. Oktober 2008

Neulich im Zug wanderte mein Blick von der eigenen Lektüre auf die des Nachbarn. Der hatte eine Gratiszeitung aufgeschlagen, und eine der Meldungen handelte von einem englischen Mörder, der den Oberschenkel seines Opfers zubereitet und dann verspeist hatte. Über dem Titel lief eine Zeile, die sagte: „Mit Olivenöl“.

Ich musste laut prusten. Gott sei Dank stoppte der Zug gerade an meiner Haltestelle. Der Über- oder Untertitel ging mir einen ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Vor allem fragte ich mich, mit welchem Hintergedanken der bearbeitende Redakteur diese Zeile über den Titel gesetzt hatte. Meine Theorien waren zwischen zwei extremen Erklärungen angesiedelt. Es konnte sich um einen Sabotageakt eines von der Lebensmittelindustrie bestochenen Journalisten halten, oder um einen schlichten Akt der Verzweiflung, geboren aus Zeitnot und der Tyrannei des Layouts, das nun mal einen Übertitel vorsah.

Die erste Erklärung ist so abwegig nicht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass der Redakteur, hätte der Mörder eine andere Sorte Speiseöl verwendet, dies in Form eines Titels herausgestrichen hätte. Möglicherweise ist makabrer Humor im Spiel, etwa in der Art: Auch Mörder sind gesundheitsbewusst, auch Mörder haben guten Geschmack.

Oder subtile Xenophobie: Der Mörder pflegt mediterrane Essgewohnheiten. Psychopathen lieben Olivenöl.

Die Frage stellt sich, warum der Redakteur beim Detail der verwendeten Ölsorte Halt machte. Eigentlich fehlt uns noch das genaue Rezept. Wenn wir im Handel ein Buch mit Rezepten der Titanic erstehen können, ist – rein kulinarisch gesprochen – nicht weniger interessant, wie denn ein kannibalischer Mörder vorgeht, wenn es sich um einen humanen Oberschenkel handelt statt um eine Lammkeule. Unsere Gesellschaft ist hungrig nach morbiden Details, wir wollen Videos von Menschen sehen, die in der U-Bahn grundlos niedergeschlagen oder vor einen Zug gestoßen werden, und wir wollen bitte wissen, mit welchen Zutaten genau …

Oder arbeitet hier jemand daran, unsere Ekelgrenze zu verlegen?

Auch der merkantile Aspekt gibt zu denken. Wie zufällig kann ein Akt sein, der dazu führt, dass tausende Leser in den nächsten Monaten im Supermarkt vor dem Regal mit Speiseöl an die Verbindung Mord-Oberschenkel-Olivenöl denken müssen?

Ich rate den Olivenölherstellern, bei der nächsten Kannibalenstory die Erwähnung aller Zutaten einzuklagen.

 

Thomas Fitzner © 2008