Home > Mediterrane Briefe

Mediterrane Briefe - 18

Sunny ist tot

4. Juli 2009

 

Ich schleppe die Nachricht seit einem halben Jahr mit mir herum. Sunny ist tot. Merkwürdige Erinnerungen werden wach, an ein Buch, an einen Film, an einen Kinobesuch mit Gasmaske, und an einen jüdischen Rechtsanwalt namens Dershowitz, der vor allem für seinen Ausspruch bekannt ist, er hätte sogar Hitler verteidigt, hätte sich ihm die Gelegenheit geboten.

Sunny von Bülow (1932-2008), Taufname Martha Sharp Crawford, war eine US-amerikanische Millionenerbin, die ein Faible für europäische Adelige hatte. In zweiter Ehe war sie mit Claus von Bülow verheiratet. 1980 verfiel sie unter nie geklärten Umständen in ein Koma, aus dem sie nie erwachen sollte. Ihr Gatte Claus von Bülow wurde des Mordes angeklagt, verurteilt und 1985 in einem zweiten Prozess freigesprochen. Seinen Freispruch hatte er dem oben erwähnten Staranwalt Dershowitz zu verdanken, der später über diesen Fall ein Buch schrieb („Reversal of Fortune“, auch auf Deutsch erschienen), das seinerseits unter demselben Titel verfilmt wurde.

Februar 1991, im Nahen Osten tobt der Golfkrieg, die Amerikaner bombardieren den Irak, und Saddam Hussein lässt Nacht für Nacht Scud-Raketen auf Israel abfeuern, um das Land in den Krieg und damit andere arabische Staaten auf seine Seite zu ziehen. Die meisten Raketen gehen in Tel Aviv nieder, wo ich zu diesem Zeitpunkt als Reporter tätig war. Abend für Abend verließen die Bewohner ihre Stadt, um dem Beschuss zu entgehen. Im Lauf der Zeit nahm die Intensität des Beschusses ab und zaghaft kehrte das Nachtleben zurück: Ein paar Restaurants öffneten wieder, ein paar Kinos nahmen den Betrieb auf, und jene, die abends aus ihren Löchern krochen, die nachts in Tel Aviv blieben und die Nase voll hatten von nächtlichen Alarmen, von den Minuten der Panik – Erwachen bei Sirenengeheul, Gasmaske ergreifen, in den Schutzaum hetzen, Maske aufsetzen, Tür mit feuchten Handtüchern abdichten, das bange Lauschen auf die Geräusche von draußen – das von einem enormen Startknall eingeleitete Emporfauchen der Patriot-Abwehrraketen, die Einschläge, die Explosionen – das stundenlange Ausharren, bis im Radio oder im Fernsehen (manchmal trug der aus dem Schlaf gerissene Nachrichtensprecher noch seinen Pyjama) endlich, und für Tel Aviv immer zuletzt, Entwarnung gegeben wurde.

Es war ein merkwürdiges Nachtleben. Ein paar verstreute Paare oder Einzelgänger auf der ansonsten prallvollen Uferpromenade, und jeder hatte den quadratischen Karton mit der vom Zivilschutz ausgegebenen Gasmaske dabei. Beim Spaziergang stieß ich eines Abends auf ein Kino, das erstaunlicherweise geöffnet war, vermutlich eines der ersten, und mir war egal, welcher Film gezeigt wurde, ich wollte nur endlich wieder ein wenig normales Leben atmen. Stellte mich also an und kaufte eine Eintrittskarte. Der Kartenabreißer hatte mehr zu tun als sonst: Er prüfte, ob jeder Besucher eine Gasmaske mit sich trug, und wies mit Autorität die Plätze an. Wir wurden übers ganze Kino verstreut, mit soviel Abstand zwischen den Besuchern als möglich. Das lernt jeder Soldat in der Grundausbildung: Je weiter eine Gruppe verstreut ist, umso geringer ist die Opferzahl beim Einschlag einer Granate oder Rakete.

So saßen wir also, ein dünnes, wie eine Infantiergruppe verstreutes Mini-Publikum in dem riesigen Kino, und der Film war selbstredend „Reversal of Fortune“. Jerey Irons und Glenn Close, und umso packender, weil es sich quasi um eine dramatisierte Dokumentation handelte. Um wahres Geschehen.

Später las ich das Buch, verstand auch endlich, was Dershowitz mit seinem berüchtigten Hitler-Zitat gemeint hatte: Der wissenschaftliche Aspekt des Rechts, das Verdrängen der Gefühle, um zu wahrer Gerechtigkeit zu gelangen, diese wissenschaftliche Gerechtigkeit als Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft.

Alles das fiel mir ein, als ich vor einem halben Jahr las, dass Sunny von Bülow im Koma verstorben war, während gleichzeitig in Nahost wieder Raketen und Granaten flogen, während Israel zurückschlug, nachdem jahrelang Raketen aus dem freien Palästina auf das Land niedergegangen waren. Es ist eine merkwürdige Assoziation, aber das Thema Gerechtigkeit baut die Brücke: Der Prozess gegen den Scud-Schleuderer Saddam Hussein – Dershowitz hätte bestimmt auch ihn verteidigt, und sei es nur, um das System der Gerechtigkeit zu testen. Und das Verständnis von Gerechtigkeit in Nahost, zu nahe an Gefühlen, um den Teufelskreis brechen zu können.

Dershowitz konnte seinen Mandanten Claus von Bülow übrigens nie ausstehen. Lesen Sie das Buch, es ist beinahe spannender als Nahost.

 

Thomas Fitzner © 2009