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Mediterrane Briefe - 19

Thatchers Eier

13. Oktober 2010

Die Vorstellungskraft eines Kabarettisten reicht nicht mehr aus, um die Realität zu überholen. Das musste vor kurzem Gerhard Polt erfahren, wenn er es denn erfahren hat. In seinem 1983 herausgekommenen Film “Kehraus” – eine grundböse Komödie über Versicherungen und deutschen Karneval (schon eine originelle Kombination) – führt er die Figur einer Versicherungsangestellten ein, die eben der Figur wegen eine Eier-Diät macht. Dieses unsagbare Regime, mit dem das Pummelchen abnehmen will, besteht im wesentlichen darin, von morgens bis abends Eier in sich reinzustopfen. Ein vollkommen absurder Gedanken, möchte man meinen. Nun las ich zu meinem nicht enden wollenden Erstaunen von einer Enthüllung, die der Freigabe privater Aufzeichnungen der britischen Premierministerin Margaret Thatcher zu verdanken sind. Die so genannte Eiserne Dame (Iron Lady) versuchte demnach selbst, mit einer ähnlichen Methode ihr Gewicht zu kontrollieren. Man stößt bei der bloßen Lektüre ihres Schlankheitsrezeptes auf: Thatcher aß morgend, mittage und manchmal auch abends Eier und verschlang in einer Woche bis zu 28 dieser Dinger, die ja nicht eben leicht sind. Daneben waren ihr Salate, Spinat und etwas Fleisch erlaubt, und wenn sie sich das Fleisch versagte, durfte sie Whiskey gurgeln. Man wird nun richtig nervös, wenn ein Komiker – so verrückt er auch sein mag – mit einer Idee – so abstrus sie auch sein mag – an die Öffentlichkeit tritt, denn man wird die Ahnung nicht los, dass die Wirklichkeit sie eines Tages in den Schatten stellen wird, oder dies bereits getan hat. Die an einen Selbstmordversuch grenzende Eier-Diät beging Thatcher übrigens 1979. Polts Komödie kam vier Jahre später raus. Ein Maulwurf in Downing Street? Parapsychologische Fähigkeiten? Oder ein Kabarettist, der mit seinem Produzenten streiten muss, weil der die Idee mit der Eierdiät für “allzu unglaubwürdig” hält? Herr Polt, wir wären für eine Abklärung dankbar. We hope to be amused.

Thomas Fitzner © 2010