Home > Mediterrane Briefe

Mediterrane Briefe - 5

Vier Begegnungen mit Japan

November 2007

 

Wir gingen durch eine Gasse in der Altstadt von Toulouse und sahen einen englischen Buchladen, einen dieser Buchläden, an denen ich nicht vorbeigehen kann: klein, klassisch, abenteuerlich sortiert, mysteriöser Verkäufer. Eine Garantie für Begegnungen mit dem Unerwarteten, eine Chance auf Entdeckungen. Das Unerwartete stellte sich nach wenigen Minuten ein und bald kreiste ich mental wie physisch nur noch um ein Taschenbuch, nahm es immer wieder in die Hand, kaufte es am Ende doch nicht, lasse mich bis heute von ihm verfolgen. „The Rape of Nanking“ beschreibt eines der furchtbarsten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs: Die Eroberung der chinesischen Stadt Nanking und die anschließende Misshandlung, Ermordung und Vergewaltigung zehntausender Zivilisten durch japanische Soldaten. Das enthaltene Bildmaterial schuldet Autorin Iris Chang dem offenbar schon damals ausgebildeten „touristischen“ Verhalten der Japaner: Sie fotografierten alles, nicht nur die Straßen und Häuser der Stadt, nicht nur die Kameraden mit ihren Uniformen und Gewehren, sondern auch die Frauen, die sie tagelang gefesselt hielten, vergewaltigten und dann ermordeten, oder die Männer, die sie für Übungen mit dem Bajonett reihenweise abstachen. Wie Touristen trugen sie die Filme zum nächsten Fotoladen, die chinesischen Angestellten machten Kopien und bewahrten sie auf. So barbarisch trieben es die Japaner, dass ein deutscher Diplomat, als Abgesandter des Nazi-Reichs nicht eben ein Menschenrechtsaktivist, eine Schutzzone einrichtete, um wenigstens einen Teil der Bevölkerung vor der Soldateska in Sicherheit zu bringen.

Während draußen, in der romantischen Gasse der romantischen Altstadt von Toulouse, meine Frau mit meiner Tochter spielte, durchblätterte ich grauenvolle Dokumente menschlicher Niedertracht, riss mich los, wollte in tröstlicheren, weil erfundenen Geschichten stöbern, wurde jedoch immer wieder zu diesem Buch, diesem Namen, dieser Stadt, dieser Realität zurückgezogen.

Eine erste Begegnung mit Japan.

Jahre zuvor, ein Restaurant in Fes, Marokko. Ich habe drei junge Japaner kennengelernt. Sie sind vollkommen verstört. Zwei Monate lang wollten sie durch Marokko reisen, erst zwei Wochen sind vorbei, nun wollen sie bereits fliehen, wieder nach London, wo sie studieren, doch etwas hält sie zurück: sie haben ihre Reisegefährtin verloren.

Das Mädchen, wie ihre Landsleute Studentin in London, wollte zuerst nicht mitkommen. Die Freunde redeten auf sie ein, überzeugten sie. In Marokko läuft das hübsche Ding schon am dritten Tag in einen emotionalen Hinterhalt: ein junger Marokkaner umwirbt sie, die Motive sind allen anderen offensichtlich, nur ihr nicht. Von ihren Landsleuten ist sie keinen Charme gewohnt, sie ist wehrlos, unvorbereitet auf die Wärme und Herzlichkeit, auf die Gefühlsstürme ihrer ersten Liebe.

Die Familie des Brautwerbers nimmt die Japanerin mit offenen Armen auf und schließt danach die Türen ab. Seit Tagen versuchen die drei Freunde vergeblich, mit ihrer Gefährtin Kontakt aufzunehmen, sie fühlen sich verantwortlich, für das Mädchen, für die Situation, doch die Familie blockt.

Die drei fragen mich um Rat, und obwohl ich beim gemeinsamen Abendessen nichts sonderlich Hilfreiches von mir gebe, bedanken sie sich danach, als hätte ich ihnen das Leben gerettet. Der Kellner des Restaurants spricht ein paar Brocken Japanisch, wie kommunikativ ist man hier, wenn es interessiert, und als wir auf die Straße treten, werde ich noch Zeuge, wie die Japaner von halbstarken Marokkanern angestänkert werden, eine alltägliche Szene.

Ich gehe weiter zurück in meinen Erinnerungen und stoße 1991 im Jemen auf einen Manager des Autokonzerns Nissan, der die arabische Welt nach Chancen abgrast. In Marib, wo in der Nähe eines 2.800 Jahre alten Staudamms nach Hinweisen auf die Königin von Saba gegraben wird, gönnt er sich einen freien Tag. Mein kurzes Gespräch mit ihm wäre längst vergessen, hätte er dabei nicht etwas sehr Japanisches getan. Freimütig gestand er mir, dass Toyota seiner Firma um Jahre voraus sei und auf den arabischen Märkten praktisch ein Monopol genieße. Um ihn aufzumuntern, erzählte ich ihm, dass meine Mutter einen Nissan fahre und sehr zufrieden sei. Meine leicht dahingesprochenen Worte hatten eine verblüffende Wirkung. Ich war, verstand er (verstand ich), der Sohn einer Kundin seiner Firma und das änderte die Verhältnisse grundlegend. Der Manager nahm Haltung an und verbeugte sich vor mir. So stand ich da, ziemlich baff, in einem staubigen Café in einem jemenitischen Wüstenkaff, in staubiger Ausflugskluft, vor mir ein japanischer Automanager mit demütig gesenktem Haupt.

Wenn ich noch tiefer in die Vergangenheit dringe, stoße ich auf vier junge Japaner, die mir den witzigsten Unterricht meines Lebens beschert haben. 1987 in Mexiko-Stadt, Autonome Universität, Studienzentrum für Ausländer, Unterricht in mexikanischer Sprache und Kultur, Anfängerklasse. Wir sind zu fünft, vier Japaner und ich. Ein Koch namens Goichi Morita avanciert zum Alleinunterhalter, seine Mitteilungsfreude wird von seiner perfekten Sprachunkenntnis nie auch nur im Geringsten gebremst, jede Intervention endet in Gelächter der Klasse, einer, der Student Yasunori, prustet immer nur höflichkeitshalber mit, denn er versteht nichts, kein Wort, ist vollkommen verloren, bis er eines denkwürdigen Tages einen Scherz tatsächlich versteht – wir fürchten um seine Gesundheit, so intensiv verleiht er seinem nun realen Amüsement Ausdruck. Unvergessen der Vormittag mit den Ausspracheübungen, was haben die sich gequält und was habe ich gelacht. Zwischen uns fünf entsteht Freundschaft, wir treffen einander auch außerhalb der Universität, danach trennen sich unsere Wege, ich habe nie wieder von ihnen gehört.

Iris Chang, US-Chinesin, Tochter von Überlebenden des Nanking-Massakers und Autorin von „The Rape of Nanking“, beging im Jahr 2004 Selbstmord.

 

© Thomas Fitzner, 2007