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Mediterrane Briefe - 7

Warum der Airbus 380 nie hätte gebaut werden können sollen

Januar 2008

 

Gelegentlich haben wir das Glück, auf einen echten Experten zu stoßen und mit demselben ins Gespräch zu kommen. Solches widerfuhr mir auf einem Flug, der übers Mittelmeer führte, womit sich die Episode geografisch in die Mediterranen Briefe einordnen lässt. Das Glück also wollte es, dass ich neben einem Amerikaner zu sitzen kam, der beruflich in der Luftfahrtindustrie tätig war und sich mordsmäßig auskannte. Der Flug dauerte um die fünf Stunden, und nur wenige Experten können das Wasser halten, wenn sie so lange neben jemandem sitzen, der Interesse an ihrem Thema zeigt. Wir kamen also ins Gespräch. Und von all den aeronautischen Dingen, die mir dieser Experte erklärte, und die alle von authentischem Wissen, ja von Insider-Kenntnissen zeugten, blieb mir nur eines im Gedächtnis haften: Der Mann erklärte mir, warum der Riesen-Airbus nie gebaut werden könnte.

Die Begegnung fand um 1990 herum statt, also zu einem Zeitpunkt, da der Airbus noch 3XX hieß und mehr eine Idee war als ein Projekt. Zu einem Zeitpunkt auch, da sich Boeing noch ernsthaft mit dem Gedanken trug, eine Überschall-Passagiermaschine zu entwickeln.

Nicht technische Gründe seien ausschlaggebend, erklärte mir der Experte, nein, technisch sei der Airbus-Superjumbo kein Problem. Der Knackpunkt liege ganz woanders, nämlich im Legalen.

Dass ein Amerikaner im Legalen einen Knackpunkt sieht, überrascht nicht weiters. Wenn eine McDonalds-Kundin eine millionenschwere Entschädigung dafür erhält, dass sie einen Becher Kaffee auf ihren Schoß entleert, lassen sich die Summen, die bei Flugzeugkatastrophen fällig werden, nur ahnen. Der Aeronautik-Experte klärte mich also darüber auf, dass die Schadenersatzzahlungen bei einem Absturz eines Flugzeuges der für den 3XX vorhergesehenen Dimensionen dermaßen hoch ausfallen würden, dass keine Versicherungsgesellschaft das Risiko eingehen würde. Dass also aus versicherungsfinanziellen Gründen der Airbus-Superjumbo nie gebaut werden könnte.

Tja also.

In diesem Zusammenhang fällt mir eine Episode ein, die in jeder Hinsicht gegenteilig verlaufen ist. Manchmal geben Nichtexperten eine haarsträubende Theorie zu einem sehr komplizierten, schwierigen Thema von sich, und Jahrzehnte später verharrt man wie festgefroren vor dem Radio, dem Fernseher, der Zeitung, und schnippt mit dem Finger und denkt sich: Verdammt nochmal, das hat doch vor Urzeiten jemand vorhergesagt, den ich für inkompetent, verrückt oder einen Schwafler hielt.

In diesem Sinne verbeuge ich mich vor meinem Französisch-Lehrer, der zwar als Pädagoge keine Leuchte war, aber bereits um 1977 herum mit mathematischer Präzision die Umstände und Gründe für den bevorstehenden Zusammenbruch der Sowjetunion darlegte. Also gute eineinhalb Jahrzehnte, bevor dieser tatsächlich und genau so stattfand. Wir doofen 17-jährigen, die er nicht zu zähmen und denen er kaum ein Wort Französisch beizubringen vermochte, hörten nur mit einem halben Ohr zu.

Dieses halbe Ohr werde ich in Zukunft spitzen.

 

© Thomas Fitzner 2008