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Mediterrane Briefe - 20

Zum Tod von Marga Swoboda

24. November 2013
Es gibt Menschen, die treten mit einem Feuerwerk in dein Leben ein, und in kurzer Zeit stellt man fest, dass alles nur heiße Luft ist. Andere bemerkt man zu Beginn gar nicht so richtig, doch ganz allmählich werden sie zu Giganten in deinem Kopf. Marga Swoboda gehörte zu den Zweitgenannten – nicht nur, aber auch wegen ihrer kleinen Statur und ihres unauffälligen, leisen Auftretens, das man nur kurz als Schüchternheit interpretierte.
Ich lernte die spätere Starkolumnistin der Kronen-Zeitung kennen, als sie noch Modebeilagen für ein kleines Regionalblatt namens Neue Vorarlberger Tageszeitung machte. Es war die Zeit der endlosen Abende in der Redaktion oder später in Bistros, wenn ich als junger Redaktionsvolontär sprachlos den Wortgefechten brillianter Journalisten lauschte, die man in einer Provinzzeitung nicht anzutreffen hoffte. Ein regelmäßiger Teilnehmer der Bistro-Runde war beispielsweise Dieter Zehentmayr, ein Karikaturist, der später in Wien und Berlin Karriere machte (und den schon vor acht Jahren dasselbe Laster und dieselbe Krankheit das Leben kosteten wie nun Marga).
Es war auch die Zeit der Freude auf den Samstag, wenn unser kleines Blatt mit großen Reportagen glänzte. Wenn ich wusste, dass Marga Swoboda, die damals noch als Marga Swoboda Mark zeichnete, ein Porträt oder Interview für die Samstagzeitung geschrieben hatte, stellte sich eine Vorfreude ein wie die eines Kindes auf Weihnachten. Sie war die brillianteste Schreiberin, die ich je kennengelernt habe.
Zu ihrer Beobachtungsgabe, gepaart mit einer unbehandelbaren Beobachtungssucht, gesellte sich eine nahezu unheimliche Fähigkeit, jene richtigen Worte zu finden, die keinem anderen einfielen. Sie verliehen ihren Texten eine poetische Qualität, ohne ihnen auch nur ein Gramm Süffigkeit zu nehmen.
Ihre chirurgische Präzision in dieser Wissenschaft des Ungefähren, die Menschenbeschreibung letztlich ist, war erstaunlich und wirkungsvoll. Als sie in einem Porträt über den noch jungen Jörg Heider dessen abgebrochenen Schneidezähne als “lustig” beschrieb, ließ der sich kurz danach das Gebiss reparieren. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass Margas Killer-Adjektiv daran schuld war.
Manche ihrer Qualitäten sind in keinem der bisher gelesenen Nachrufen erwähnt. Zum Beispiel ihr persönlicher Mut. Ich erinnere mich an ein konkretes Husarenstück, mit dem sie unsere Redaktion nachhaltig beeindruckte: Als damals, in den 80-ern, also in ihrer Zeit der Modebeilagen und Interviews mit Provinzgrößen und Festspiel-Künstlern, in Vorarlberg eine Neonazi-Versammlung anstand, war es Marga, die als einzige Reporterin des Landes spät nachts bis in den (ich meine mich zu erinnern: eigentlich geheimen) Versammlungsraum in einem einsam gelegenen Gasthaus vordrang, alleine, ohne Fotograf, und ich erwähne der Sicherheit halber, dass es in jenen Jahren auch noch keine Handys gab.
Seinerzeit hoffte ich, sie würde ihr enormes Talent irgendwann für einen literarischen Text nutzen, oder zumindest für ein Buch, also ein Werk, das man kaufen und sich ins Regal stellen konnte, etwas Zeitloses, damit man einen langen schönen Marga-Text genießen konnte, ohne sich ständig die Magazine oder Zeitungen kaufen zu müssen, für die sie gelegentlich oder ständig schrieb. Aber dieser Verfügbarkeit entzog sie sich, denn Marga war 100 Prozent Journalistin. Als solche, dank ihrer bedingungslosen Leidenschaft für die Profession und ihrer Fähigkeiten, eroberte sie sich dann auch einen Platz im Olymp der österreichischen Szene: Starkolumnistin der Kronen-Zeitung, also der – gemessen am Verhältnis Landesbevölkerung zu Leserzahl – bestverkauften Tageszeitung der Welt.
In einem der wenigen Artikel über Marga habe ich gelesen, dass sie ihre Kolumnen in ihrem Haus im Montafon – einem ihrer Wohnsitze – mit der Schreibmaschine tippte und dann per Telefon an die Redaktion in Wien durchgab. Wer weiß, wie Journalismus heute funktioniert, kann ermessen, welchen Respekt man genießen muss, damit ein solches Steinzeit-Procedere hingenommen wird.
Ich habe mich in all den Jahren oft gefragt, warum sie am Familiennamen Swoboda festhielt. Bis ich eines Tages auf die Bedeutung dieses aus dem Slawischen stammenden Wortes stieß: Freiheit.
Das war wohl, neben dem Journalismus, ihre zweite große Leidenschaft.