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Mediterrane Briefe - 1

Zwei Schildkröten, ein Landrover und haufenweise Quallen

Juli 2007

Auf Mallorca sind zwei Meeresschildkröten ausgesetzt worden, um die Quallenplage zu bekämpfen. Inselweit. Damit ist jede dieser Schildkröten für 277,5 Kilometer Küste zuständig. Verstärkt wird diese quallenfressende Streitmacht durch Kollegen, die früher und aus reiner Liebe zur Natur in den Gewässern des Archipels freigelassen wurden und seither nicht das Weite gesucht haben.

Zum Beispiel zum Zwecke der Fortpflanzung. Für die Eierablage benötigen Meeresschildkröten Strände, und die sind auf den Balearen für Zweibeiner reserviert. Es gibt zwar „jungfräuliche Strände“, doch dieses Prädikat wird hierzuinsel jedem Strand verliehen, der mehr als dreihundert Meter vom nächsten Parkplatz entfernt liegt. Die meisten jungfräulichen Strände sind allerdings schon lange entjungfert, nämlich von Naturenthusiasten, also Menschen, die Gegend ohne Menschen bevorzugen, sich selbst ausgenommen.

Ohne jetzt alle Naturliebhaber über einen Kamm zu scheren, erlaube ich mir trotzdem die Bemerkung, dass diese spezielle Art von Naturliebe auch für den Geländewagen-Boom, die Zersiedlung ländlicher Regionen und einen Großteil des Flugtourismus verantwortlich ist.

Und das erinnert mich an ein Aha-Erlebnis der dritten Art. Vor Jahren führte ich ein Interview mit einem Projektmanager der Balearischen Umweltschutzorganisation GOB. Der gute, naturliebende Mann organisierte ein Projekt in einer entlegenen Zone Mallorcas. Während wir im Landrover über einen steinigen Weg schunkelten befragte ich den Berufsguten über seinen GOB-eigenen Geländewagen. Er – der Wagen – war schon recht ausgeleiert und der Projektmanager berichtete, dass dank deutscher Spenden bald ein neuer gekauft werden könnte.

Lange danach, auf dem Rückweg nämlich, erzählte mir der naturliebende Herzensgute über sein Zuhause, das noch viel tiefer in unberührter Natur liege als das Projekt, und der Weg dorthin sei noch viel steiniger, aber das sei dank des GOB-Geländewagens kein Problem.

Erst nachträglich gelang es mir, meine Verstörung über das Gehörte zu begreifen: Nicht nur, dass der herzensgute Naturschützer täglich mit einem 4×4-Spritfresser vierzig Kilometer hin- und herfuhr, weil er ja so naturliebend in der Wildnis wohnte (wo es naturgemäß keine Bushaltestellen gibt), nein, er tat das auch noch mit einem von Naturfreunden gespendeten Geländewagen, womit sich dessen auf Rumpelpfaden erhebliche Abnutzung großteils durch private Fahrten zu seinem Knusperhäuschen ergab, und nicht etwa durch das, was bei strikter Interpretation als Dienstfahrten zu interpretieren wäre.

Auf dem spanischen Festland, mitten in hübschester Natur – und aus Naturliebe natürlich – haben Bekannte meiner Familie einen Gutshof. Sie bewohnen diesen auch tapfer, langweilen sich aber derart, dass sie oft ins Auto springen und eine halbstündige Fahrt in die Stadt in Kauf nehmen, um dort in interessanterer, sprich: urbaner Atmosphäre einen Kaffee zu trinken.

Planet, erzittere. Wenn das deine Freunde sind, wie sehen dann erst deine Feinde aus? Wir wissen es alle, und eigentlich ist es fies, über Menschen zu lästern, die immerhin gedanklich und ansatzweise auch real einen Schritt zur Rettung des Planeten getan haben. Andere geben noch immer damit an, wieviel Sprit ihre Motoryacht an einem einzigen Wochenende verbrennt. Lassen wir also die Küche im Torf. Kehren wir zurück zu den Quallen.

Meine erste Live-Begegnung mit einer solchen fand vor einem Jahr in der Bucht von Alcúdia statt. Es geschah beim morgendlichen Schwumm vom Strand bei unserer Ferienwohnung. Plötzlich schwebte sie vor mir im Wasser, ebenso ästhetisch wie bedrohlich im Morgenlicht. Verschämt sei gestanden: Ich geriet in Panik und kraulte japsend ans Ufer.

Seither habe ich mich entspannt. Nicht nur, weil ich trotz kilometerweise Kraulen keiner Qualle mehr begegnet bin, sondern auch, weil ich die Quallen umweltpolitisch willkommen heiße. Kinderasthma und Klimawechsel reichten ja bislang als Motivation für eine Änderung unserer Gewohnheiten nicht aus. Naturliebe definiert sich noch immer sehr über die egoistische Schiene, die „Experience“.

Aber die Bedrohung der mediterranen Sommerferien durch Quallen – das gibt uns vielleicht den entscheidenden Ruck. Ich ahne: Die zwei Meeresschildkröten sind nur die Vorhut von etwas ganz Großem.

© Thomas Fitzner, 2007