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1934: Krisenjahr im Kraisi-Dorf

 

Brand und Wiederaufbau – Vortragsabend der Rheticus-Gesellschaft

 

Fraxern. – Oft ging der Vortrag in allgemeines Tratschen über: Dies habe man selbst erlebt damals, jenes habe der Vater oder der Großvater erzählt. Immerhin ging es um die größte Brandkatastrophe dieses Jahrhunderts in Vorarlberg. Und vor allem Dorfbewohner – junge und alte – nahmen an einem Vortragsabend teil, mit dem die Rheticus-Gesellschaft an den furchtbaren Brand erinnerte, der vor 50 Jahren das kleine Dörfchen Fraxern zu gut einem Drittel einäscherte.

Die NEUE ließ vor gut zwei Monaten einen Augenzeugen der Katastrophe zu Wort kommen. Der Referent in Fraxern, Dipl-Ing. Dr. Ernst Längle, wußte vor allem über die näheren Umstände sowie die Situation nach dem verhängnisvollen 18. April 1934 zu berichten und wartete mit interessanten Daten und Details auf.

Der Brand nahm seinen Ausgang vom Haus Nr. 57. Vermutlich löste der Funkenflug eines im Freien betriebenen Waschopfens das Desaster aus. Ein warmer Fallwind tat ein übriges, und binnen kurzer Zeit standen über 30 Häuser in Flammen.

Ironie des Schicksals: Die meisten Männer waren an diesem Vormittag abwesend, weil sie die im Herbst 1933 niedergebrannte Alphütte „Staffelalpe“ am Fuß der Hohen Kugel wieder aufbauen mußten. Während die Fraxner Männer also fern der Heimat einen Brandschaden reparierten, kündigte eine gewaltige Rauchsäule den entsetzten Leuten ein noch viel größeres Unglück an. Als vom Tal die ersten Feuerwehren anrückten und die Männer von der Staffelalpe heraneilten, standen sie einer riesigen Feuersbrunst machtlos gegenüber. Zu Mittag war der Spuk vorüber, Fraxern ein rauchender, schwarzer Trümmerhaufen. 26 Baunerhäuser, zwei Gasthäuser, der Pfarrhof, die Sennerei und die Schule samt Gemeindeamt waren vernichtet, ein Drittel der damals 350 Einwohner obdachlos. Und auch ein Todesopfer war zu beklagen.

 

Ein Krisenjahr

 

Um nun zu verstehen, was eine solche Katastrophe in der damaligen Zeit bedeutete, ging Dr. Längle auf die Verhältnisse des Jahres 1934 ein. Es war ein Krisenjahr, ein Drittel der Arbeitswilligen war ohne Beschäftigung. Das bedeutete einerseits, daß sich viele kaum selbst zu helfen wußten, geschweige denn, anderne zu helfen in der Lage waren. Trotzdem, hob Dr. Längle hervor, spendete die Bevölkerung pro Kopf etwa 50 Schilling – dem heutigen Geldwert entsprechend.

Bot das niedergebrannte Dorf einen deprimierenden Anblick, so sahen viele etwas anderes darin: Arbeit. Fraxern verwandelte sich in eine hektische Baustelle. Bis zum Herbst, wenn das Vieh von den Alpen getrieben wurde, mußten die Stallungen fertig sein. Und vor dem Winter noch sollten die Menschen einziehen, die jetzt bei Nachbarn oder in vorher unbenutzten Gebäuden Unterschlupf fanden.

In zweifacher Hinsicht hatten die Fraxner Glück, meinte Dr. Längle: Es wurde ein wunderschöner Sommer. Und ein alter Dorfbewohner ergänzte gleich: Nur einen halben Tag hätten die Bauarbeiten wegen Regens aussetzen müssen. Zudem gab es 1934 eine außergewöhnlich reiche Kirschenernte. Die Fraxner Frauen zogen nun mit kleinen Handkarren – vollbeladen mit Kirschen – bis nach Dornbirn und hinauf bis Feldkirch, um sich ein paar Groschen zu verdienen.

Wie schwer es die Bauern damals hatten, die trotz der großzügigen Spenden immer noch beträchtlichen Eigenmittel für die Neubauten aufzubringen, erläuterte Dipl.-Ing. Dr. Ernst Längle an einer Aufstellung betreffend die Struktur der bäuerlichen Betriebe. Unter allgemeinem Aufraunen der Zuhörerschaft zählte er auf: „Damals gab es in Fraxern 30 Betriebe mit je einer Kuh, 20 mit zwei …und ein einziger hatte sogar vier Kühe.“ Man kann sich vorstellen, wie hoch die Einkünfte derartiger Betriebe waren.

Deshalb wurde extrem sparsam gebaut. Ein einstöckiges Haus für 15.000 bis 17.000 Schilling, ein zweistöckiges für 18.000 bis 22.000 Schilling. Das ist selbst dann, wenn man für einen 1934er-Schilling 100 heutige berechnet, noch sehr günstig. Rund 67 Millionen kostete der Wiederaufbau – dem derzeitigen Geldwert nach.

Im Herbst war das Wunder vollbracht: Das Vieh konnte in den neuen Stallungen untergebracht werden und kurze Zeit darauf bezogen die Abbrändler ihre großteils noch leeren, kahlen Wohnungen. Die „Staffelalpe“, an der die Fraxner am Tag des Brandes gearbeitet hatten, war ebenfalls schon fertig.

Als gebrannte Kinder lockerten die Fraxner ihren Dorfkern auf und verlegten zahlreiche Gebäude. Auf die Frage eines Juristen, ob denn alle Grundstücksfragen in einem Sommer geklärt werden konnten, antwortete Längle: „Als die Leute einzogen, waren diese Fragen noch nicht alle geklärt. So schnell ging das nicht – so wie ich die Fraxner kenne.“

 

Neue Vorarlberger Tageszeitung, 27. Juni 1984