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“Ich habe unglaubliche Sachen im Kopf”

 

Antonio López und seine verrückten Eigenbau-Fahrräder

 

von Thomas Fitzner

 

Wenn Sie bei Dunkelheit durch Son Ferriol bei Palma fahren, riskieren Sie eine unheimliche Begegnung. Denn nachts dreht gelegentlich Antonio López eine Runde, um zu testen, was er gerade in seiner winzigen Werkstatt zusammengeschraubt und -geschweißt hat. Seine Gefährte könnte man noch als Fahrräder bezeichnen, obwohl sie nur in Ansätzen dem gleichen, was man im Handel erstehen kann.

Als López vor zwölf Jahren sein erstes Phantasierad zusammenbaute und damit bei helllichtem Tag durch Son Ferriol fuhr, war die Reaktion des Publikums dermaßen heftig, dass der schüchterne Mann nach Hause flüchtete und seine Kreationen seither klammheimlich zu später Stunde ausprobiert. Er würde auch zunehmend in Erklärungsnotstand geraten, denn diese Kreationen geraten immer ausgefallener. Vor kurzem präsentierte er sie im Pueblo Español erstmals der Öffentlichkeit. Das Publikum staunte und erlitt Kicheranfälle und gratulierte. Weil zu Hause das sechzehn Quadratmeter große Zimmer, in dem López seine Räder gestapelt hat, langsam überquillt, hat er sich auch nicht lange gewehrt, als die ersten Kaufangebote gemacht wurden. “Ich habe so viele Ideen, ich brauche Platz”, sagt der Radlkreative und hört nicht mal während des Interviews auf, ein neues Fahrradgestänge zu skizzieren.

Viele seiner Kreationen sehen aus, als seien in einer Fahrrad- und Spielzeugfabrik die Fließbänder durcheinandergeraten. Mitten in diesem psychodelischen Fuhrpark jedoch steht ein ganz normales Fahrrad. Was tut es dort? “Aus China”, erklärt López, “Das ist mein wertvollster Besitz.” Mithin das einzige Fahrrad, mit dem er sich auch tagsüber auf die Straße traut. Vor einiger Zeit brachte ihn ein Freund mit einem Chinesen zusammen, der den exotischen Drahtesel offenbar aus seiner Heimat mitgebracht hatte. “Er wollte nur ein Abendessen dafür”, erzählt López, “also habe ich ihn eingeladen. Jetzt gehört das Rad mir.”

Für Antonios Kreationen muss man heute mehr berappen als ein Abendessen. Obwohl: “Da stecken so viele Stunden Arbeit drin, das ist in Geld gar nicht aufzuwiegen.” Stundenlang bastelt er täglich in seiner winzigen Werkstatt mit einem fünfzehn Jahre alten Schweißgerät und ein paar anderen Werkzeugen, und die Gattin gibt es gelegentlich auf, ihn zu Tisch zu rufen. “Ich esse oft kalt”, verrät López. “Aber meine Frau hat sich daran gewöhnt.” Er offenbar auch.

Dafür ist der findige Andalusier, der seit 22 Jahren auf Mallorca lebt, sofort zur Stelle, wenn es der Dame des Hauses an etwas mangelt. “Eines Tages klagte meine Señora, dass sie beim Schminken immer so schwitzt”, erzählt López. “Und ich sagte: Das haben wir gleich.” Verschwand in seiner Werkstatt und bastelte einen mit Ventilatoren bewaffneten Schminkspiegel. Das ist seine zweite Bastellinie: Ventilatoren. Aus einem Videomotor und einem Stück Plastik hat er sich einen nahezu geräuschlosen Winzigventilator gebastelt, der punktgenau sein Gesicht kühlt. “Klimaanlagen tun mir nicht gut”, erklärt Antonio und justiert den Lufthauch des Präzisionsgeräts.

Offensichtlich wird dabei, dass der Tüftler einen Preis für Wiederverwertung verdient hätte. Im Straßengraben, erzählt er, fand er eines Tages einen weggeschmissenen Motor, von einer Pumpe oder sowas. Ha, den kriegen wir wieder hin! López fertigte Ersatz für die verschlissenen, verrosteten und kaputten Teile an und setzte das wiederbelebte Knatterding einem Zweirad auf – fertig war das Moped. Auch damit ist er nächtens durch Son Ferriol gekurvt, zugegebenermaßen noch später als sonst. Aber, Don Antonio, wenn dich dabei die Polizei erwischt? “Dann lade ich sie auf eine Tasse Kaffee ein.”

Auf der Suche nach den Wurzeln dieser Radbastelbegeisterung gelangt man zum 8-jährigen Antonito, eines von sechs Kindern einer bitterarmen Familie in Córdoba. Als der Vater ihm sein erstes Rad kauft – “das hatte nur den Rahmen und zwei Räder, keinen Sattel, keine Bremsen, nichts” – steht Antonito oft mitten in der Nacht auf, um seinen neuen Besitz zu bewundern und ist absolut glücklich. Auf Arbeitssuche zieht die Familie nach Barcelona, dort muss Antonio, der nie in die Schule gegangen ist, bereits mit dreizehn Jahren als Eislieferant rackern. Abends setzt er sich am einen Tisch und bringt sich selbst das ABC bei, später macht er Abendkurse, und noch später wird er Chauffeur. Das ist er bis heute, im Dienst der Presse. In Pollença, Puerto Pollença und Alcúdia verteilt er unter anderem die “Mallorca Zeitung” an ihre Abonnenten, allerdings mit einem normalen Fahrzeug.

Während des Interviews nähert sich ein Caballero, der als Kontrapunkt zu seinem vornehmen Anzug einen Hut mit blinkendem Coca-Cola-Flaschendeckel trägt. Gestatten, Manuel López, Antonios Bruder. Auch er ein Origineller, blink-blink. Betreibt eine Pizzeria in Can Picafort. Für ihn hat Antonio ein ganz besonderes Fahrrad gebaut, “mit zwei Röhren, in denen man eine Flasche Kräuterschnaps und Gläser verstauen kann”. Damit radelt Manuel die Uferpromenade rauf und runter, lässt sich fotografieren und lädt Touristen auf ein Schlückchen Hochprozentiges ein. Perfekte Werbung für seine Pizzeria.

Familie und Freunde wissen von Antonios Besessenheit und laden alles, was sie finden, in seiner Werkstatt ab. Als der Besitzer einer Buchhandlung ein altes Eisenregal entrümpelt, greift der Radlbauer sofort zu und montiert ein spektakuläres Hochrad. Die Probefahrt, gibt er zu, habe er im Patio absolviert. Mit diesem Ding habe er sich nicht mal spät nachts auf die Straßen von Son Ferriol gewagt.

Regelmäßig fährt er dafür einen privilegierten Cocker namens “Jam” spazieren, mit einem selbstgebauten Gassi-Dreirad, in dem der Kläffer die nötige Frischluft abkriegt, ohne eine Pfote rühren zu müssen. “Der ist sehr glücklich”, sagt Antonio. Momentan wahrscheinlich weniger, denn auf dem Gassi-Dreirad prangt das Schild “Vendida” – verkauft. “Bau ich sofort ein neues”, winkt Antonio ab. “Das ist in drei Tagen erledigt. Ich habe alle Maße notiert. Aber es wird bestimmt anders werden als das. Ich baue nur Einzelstücke.” Klar, das hängt ja auch von den Trümmern ab, die Antonios Dunstkreis beschafft.

Der Daniel Düsentrieb der Drahteselbranche, das sei angefügt, versteht sich nicht als Kauz, sondern als Erfinder, der um die Lösung echter Probleme bemüht ist. Für die Kioskmenschen, die sich mit dem Zusammenbinden unverkaufter Zeitungen abmühen, hat er einen Zeitungsbindeschemel konstruiert, mit dem das viel leichter geht (in mehreren Farben lieferbar). Auch das weite Feld der Hausdekoration wird von Antonios Kreationen bereichert: Extra für die Ausstellung – “damit das nicht so leer ist in der Mitte” – fertigte er winzige Phantasieräder an, die als Blumentopfhalter oder Kerzenständer dienen. “Sehr populär”, zieht López Bilanz. “Das war ein Riesenerfolg.”

In seinem Kopf arbeitet er bereits an neuen, noch gewagteren Fahrrädern. Beflügelt vom Publikumserfolg verspricht der 50-jährige Enthusiast, die nächste Ausstellung werde “unglaublich. Denn ich habe unglaubliche Sachen in meinem Kopf.”

Bis dahin wird er wohl noch öfter kalt essen.

 

Mallorca Zeitung Nr. 84, Dezember 2001