Home > Mexico > Auf der Suche nach dem wahren Amerikaner > Text

Auf der Suche nach dem wahren Amerikaner

 

Als Dreijähriger krabbelte er dem österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand auf dem Bauch herum. Zehn Jahre diente er Deutschland als Diplomat, bis ihm 1934 die Sache „zu dumm“ wurde. In Mexiko renovierte er Altbauten, konstruierte neue und baute nebenbei als Kunsthistoriker die amerikanische Einwanderungstheorie um. In den letzten Jahren klaubt der preußische Adelige „illegal“ Müll aus einem mexikanischen Fluß. Alexander von Wuthenau, 88, Jung-Ökologe, enfant terrible der amerikanischen Archäologie.

 

In seinem VW-Käfer düst der spindeldürre, hohlwangige, energiesprühende „Greis“ von Termin zu Termin und flüchtet jede Woche aus seinem Wohnsitz in Mexiko-Stadt nach Tepoztlán, einem hübschen Provinzdorf, das von den über die Berge ziehenden Smogwolken der Hauptstadt ignoriert wird. Die Luft des 20-Millionen-Monsters Mexiko ist anscheinend das einzige, was „Alejandro“ zum Keuchen bringen kann.

Zum ersten Mal sehe ich die in Mexiko schon legendäre Figur auf einer Geburtstagsparty. „Alex“ stritt sich mit einem Ökologen darum, wer von den beiden mehr Schwielen an den Händen hat. Dann verkündete er der Runde mit lüsternem Grimm, er werde „diesen Idioten die Kolumbus-Feuern gehörig verderben“. Das Kolumbus-Jahr 1992 sei „nichts als Humbug“, der angebliche Entdecker nicht einmal der Dritte gewesen, der nach Amerika gelangte.

Darauf tischte Wuthenau die abenteuerliche Geschichte der prähispanischen semitischen Einwanderung in den gar nicht so neuen Kontinent auf. Am Ende des Lieds wurde ein Indianer mit jüdischen Gesichtszügen in den Nordatlantik geschwemmt, von Europäern aus dem Salzwasser gezogen und als Kuriosität von einem Bildhauer porträtiert. Die Büste verstaube nun im Keller des Louvre und er, Wuthenau, habe den Museumsdirektor mit geldschweren Argumenten dazu überreden müssen, ihm die Erlaubnis für eine Fotografie zu geben. „Denn sowas“, schnaubt Wuthenau, „darf ja nicht hergezeigt werden“.

Ein Archäologe nahm mich später zur Seite und flüsterte mir zu: „Sie merken doch, daß der spinnt.“

Die gelernten Archäologen haben ihre liebe Not mit den unglaublichen Geschichten des Alexander von Wuthenau, allerdings auch mit der Deutung prähispanischer Keramik- und Steinfiguren, die Menschen mit verblüffenden rassischen Merkmalen zeigen – „Afrikaner“, „Semiten“, „Japaner“, etc. Zu den rund 3000 Jahre alten gigantischen Olmeken-Steinköpfen weiß die Schulwissenschaft derzeit nicht mehr zu sagen als: „die negroiden Gesichtszüge sind ein Rätsel.“

Dazu Alex, mit vor Aufregung piepsender Stimme: „Sie glauben doch nicht etwa, daß sich in Alt-Amerika ein Indianer hinsetzt und einen Neger ERFINDET!?“

Bei derartig vielen hervorragenden Seefahrern unter den antiken Völkern – etwa der Mittelmeer-Kulturen – bereitet dem Kontra-Historiker die Vorstellung eines regen vorkolumbianischen Schiffsverkehrs über Atlantik oder Pazifik überhaupt keine Mühe. Und mangels schriftlicher Dokumente müsse man eben die prähispanischen Künstler Amerikas in den „historischen Zeugenstand“ bitten. Alex tut das in seinem Buch „Unexpected Faces“ („Unerwartete Gesichter“, englisch, Selbstverlag), ein mit autobiographischen Anekdoten gespicktes, originelles Werk, in dem die unorthodoxe Argumentation des wütenden Wuthenau so recht zur Geltung kommzt.

So antwortet er auf den Einwand, daß ein wiederholter Kontakt mit Mittelmeer-Kulturen ja auch das Rad nach Amerika hätte bringen müssen: „Was zum Kuckuck hat das Rad zu tun mit dem Abenteuer eines schwarzen oder weißen Seefahrers, der auf diesem Kontinent Geschlechtsverkehr mit einer Indianerin hat?“

So ganz kann die etablierte Wissenschaft den Kolumbus-Demolierer Wuthenau nicht ignorieren, dazu ist sein intellektueller Hintergrund zu solide, sein 88jähriger Kopf zu helle und die Fragen, die er stellt, sind tatsächlich harte Nüsse für die Archäologen. Man lädt ihn zu Kongressen und zu Vorträgen in Universitäten ein, man läßt sich von den aufgezeigten Merkwürdigkeiten faszinieren, das Fachpublikum zuckt aber gleichwohl zusammen, wenn Alex mit seinen Schlußfolgerungen auffährt und die gelernte, liebgewonnene Einwanderungstheorie (Bering-Straße, basta) buchstäblich in der Luft zerfetzt.

Ehrfürchtiges Staunen bricht hingegen aus, wenn der im Jahr Null unseres Jahrhunderts geborene preußische Wahlmexikaner über seine eigene Vergangenheit erzählt. Der Papa Offizier der königlichen Garde in Preußen, die Mama Schwester einer gewissen Sophie, Gattin des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand, „Tante Sopherl“ im Hause Wuthenau.

Klein-Alexander genießt adelige Erziehung, entgeht der Einberufung im Ersten Weltkrieg knapp, studiert Internationales Recht und tritt eine Diplomaten-Karriere an. Die führt ihn 1928 nach Buenos Aires, wo er schon einmal vergeblich nach amerikanischen Ureinwohnern Ausschau hält, dann 1930 bis 34 nach Washington („Wieder keine Indianer“) und dann, als er sich bei Botschafter Ribbentrop in London melden soll, „ist mir die Sache zu dumm geworden und ich habe alles hingeschmissen“.

Wuthenau hatte in München die Anfänge der Nazi-Bewegung miterlebt, sich 1933 auf Heimaturlaub „die Sache noch einmal angesehen“, und unter anderem versucht, Bilder der „Ausstellung für entartete Kunst“ zu retten, indem er, damals Kulturattaché in Washington, vorschlug, in Amerika „diese Schweinereien den dummen Juden zu verkaufen“. Obwohl Wuthenau zweifellos dem damaligen Zeitgeist entsprechend formulierte, funktionierte der Trick nicht.

Den Rassismus der Nazis konnte Wuthenau ebensowenig teilen wie jenen in Amerika. Deshalb widmet er sich ganz unbefangen der Wissenschaft der Rassen, interessiert sich leidenschaftlich für deren Wurzeln und Wanderungen, so wie sich Wuthenau für seine eigenen Wurzeln interessierte.

1934 also wanderte Wuthenau aus der Botschaft in Washington und machte sich auf die Suche nach den „wahren Amerikanern“, während er sich seinen Lebensunterhalt als Maler und Architekt verdiente. 1935 kam er in Mexiko an und fand dort, endlich, seine Ur-Amerikaner. Die jahrtausendealte Geschichte des „neuen Kontinents“ faszinierte den Ex-Diplomaten und als Kulturhistoriker verliebte er sich sofort in die künstlerisch hochwertigen Arbeiten prähispanischer Völker. So wurde er zum Anwalt der Kultur, die in Europa – und auch in den USA – bis heute wenig Beachtung findet.

In Mexiko war Wuthenau als Architekt tätig, renovierte unter anderem das berühmte Humboldt-Haus in der Silberstadt Taxco und baute sich auch sein eigenes Haus in der Hauptstadt selbst – mit einem kleinen Museum, in dem er seine private archäologische Sammlung ausstellt.

Inzwischen fließen die Energien des in den Medien seiner Wahlheimat als „Don Alex“ getätschelten Preußen in andere Projekte. Vor kurzem, im jugendlichen Alter von 84 Jahren, befand Wuthenau, daß all die Altertumsforschung letztlich zu nichts gut sei, wenn die Menschen von heute nichts mehr zum Essen hätten und vergiftete Luft atmen müßten. „Ich komme mir vor wie Ezechiel“, sinniert der Jung-Ökologe, frisch vom Radio interviewt. „Ich schimpfe mit dem Volk der Mexikaner.“

Don Ezechiel schimpft nicht nur, sondern krempelt mit preußischer Sturheit seine Ärmel hoch. In seinem Zweitwohnsitz Tepoztlán bastelte er 17 kleine Dämme im Rio Atongo und machte aus einem Fluß, der in der Trockenzeit eine Müllkippe war, wieder einen Fluß (ein Ereignis, das er heuer mit einer Kanuregatta mitten in der Trockenzeit feierte).

Weil der jugendlich ungeduldige „Flußbaumeister“ nicht erst lange auf behördlichen Segen warten wollte, rauft er sich nun mit Beamten herum, die ihm sogar das Aufsammeln des Mülls („Gemeinde-Eigentum“) untersagen wollen. „Unglaubliche Geschichten!“ ruft Alex aus.

Nun, die sind seine Spezialität.

 

Neue Vorarlberger Tageszeitung, 20. August 1988