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“Wo geht’s eigentlich hin?” fragt meine Frau erst auf halbem Weg, weil sie an mysteriöse Familienausflüge gewöhnt ist. “Zu einem Talayot”, erkläre ich. Die Antwort ist ein verächtliches Schnauben: “Ah, wieder drei Steinbrocken in der Landschaft.” Nein, erkläre ich mit erhobenem Zeigefinger, während wir das Labyrinth von Llucmajor durchkurven. Capocorb Vell ist das wichtigste talayotische Dorf Mallorcas! “Pah!” ruft meine Beste aus. “Das sagst du bei jedem.” Womit sie zwar recht hat, aber ich drohe ihr trotzdem, unsere Konversation in den Artikel zu packen, sollte sie nicht mit der Motzerei aufhören.

Trotzdem macht sich gute Laune breit. Von Llucmajor geht eine schmale Straße Richtung Cap Blanc, die durch eine Gegend zum Durchatmen führt: Flache, weite Landschaft, zufrieden wiederkäuende Schafe in Zweigstellen des Gartens Eden hinter Trockensteinmauern, Mandelbäume, Olivenbäume, Johannisbrotbäume, Kiefern, und alle zwei Kilometer führt ein Privatweg zu einem Luxusanwesen, das sich hinter saftigem Grün versteckt. Bald haben wir das Gefühl, am Ende der Welt angelangt zu sein, was bekanntlich kein Ort, sondern ein Zustand ist. Angesteckt von der Skepsis meiner besseren Hälfte – “na gut, dann sind’s eben nicht drei, sondern fünf Steine” – halte ich Ausschau nach einer schmalen Einfahrt, einem winzigen Parkplatz und einem miserablen Steinhaufen namens Capocorb Vell, und habe schon den Verdacht, an diesem angeblich besterhaltenen talayotischen Dorf schon vorbeigebraust zu sein, als das Sträßchen in eine Straße mündet – nämlich die von Cap Blanc nach Campos und Ses Salines – und plötzlich tut sich rechterhand ein weiter Parkplatz auf und ein grob zusammengezimmertes Holzschild verkündet “Bar Talayot”.

Kein Zweifel, wir sind am Ziel, und es gibt sogar was zum Trinken.

Ringsum ist das Land mit rätselhaften Ruinen gesprenkelt, aus denen Bäume wachsen wie Sonnenschirme. Doch im Zentrum dieser Ansammlung, an der sich Spaniens Archäologen ihre Neuronen wundgegrübelt haben, befindet sich ein steinaltes Dorf, von dem definitiv mehr als fünf Steinbrocken erhalten geblieben sind. Sogar meiner Frau bleibt der Mund offen stehen. “Siehste!” sage ich und hieve ihren Unterkiefer wieder hoch.

Capocorb Vell ist nicht nur eine archäologische Stätte ersten Ranges, weil bereits 1931 in den Rang eines “Historischen Kulturdenkmals” erhoben, sondern auch eine Touristenattraktion, ja fast ein Happening. Eingerahmt von Gestrüpp und bedeckt von Schilf verlockt eine Bar dazu, neben den Eindrücken auch Handfestes zu verdauen. Hier empfängt die Besitzerfamilie Gäste, treffen sich Bauern aus der Umgebung zum Fußball-TV und steigen Sportradler und Motorradrocker ab. An der Kassahütte kriegen wir als Besuchsanleitung ein Blatt Papier in Plastikhülle gereicht, dessen Zustand fast schon zu einer Radiokarbonmessung zwecks Altersbestimmung reizt. Auf einem umrankten Eingangsbogen gurren zwei Tauben, was nur als ländliche Friedensdemo gegen George Bush interpretiert werden kann. Linkerhand ein lustig umwuchertes Vogelhaus, das gerade den Tag der offenen Tür feiert. Endlich geht der Blick auf das Dorf, fast siebentausend dicht bebaute Quadratmeter, also in etwa eine “Cuarterada”, ein altes (und wer weiß schon wirklich wie altes) mallorquinisches Flächenmaß.

Dass Capocorb Vell sich in der gegenwärtigen Pracht zeigt, ist ein Wunder. König Jaime II, Nachfolger des Mallorca-Eroberers Jaime eins und Initiator des ersten Baubooms auf der Insel, hatte sein Auge auf die Ruinenstadt geworfen und dachte: mit all den Steinen, die da herumliegen wie in einem Baubedarfsgroßmarkt, ließe sich locker ein Städtchen bauen. Das Projekt wurde ebensowenig umgesetzt wie dreihundert Jahre später ein Plan des Bischofs, das Material mit dem Bau einer Kirche zu recyclen.

Dass ausgerechnet das besterhaltene Talayotendörfchen den Archäologen die größten Probleme bei der Deutung und Interpretation bereitet, hängt damit zusammen, dass Capocorb Vell bis ins Mittelalter bewohnt war und entsprechend viele Umbauten erlitt. Untypisch jedenfalls die Anordnung der Steinhütten, eine Art Reihenhaussiedlung, die sich zwischen zwei gewaltigen Talayots erstreckt, also Türmen, die heute dem Besucher einen exzellenten Blick auf die Anlage erlauben. Und nicht nur auf diese – vom runden Turm ganz links genießt der Ruinenkletterer ein Panorama, das die Seele streichelt: Hinter den lyrischen Schafweiden und mediterranen Buschwäldern glänzt ein Silberstreifen am Horizont, in dem ein Stück Land schwebt, als wäre es an Lichtstrahlen aufgehängt: die Insel Cabrera.

Und diese Stille. Wenn aus dem Fernseher der “Bar Talayot” gerade kein “Golgolgolgolgol”-Geschrei ertönt, sind alleine das Bimmeln der Schafsglocken und das Getrappel und Geplauder der hier vorbeiziehenden Wanderergruppen zu hören. Derselbe äußerest linke Talayot, der uns die Multimedia-Impressionen bietet, ist der einzige der Insel, in dem noch Steinplatten des ersten Stockwerks erhalten sind. Daneben ein viereckiger Talayot mit einem winzigen “Keller”, der ursprünglich als Kultraum, später als Grabstätte Verwendung fand.

Wie die anderen Turmbauten auch erheben sich die soeben Genannten aus einem wahren Steinmeer, Reste anderer Gebäude, die es nicht in unsere Epoche geschafft haben. Wir spazieren weiter: 28 Wohnräume reihen sich aneinander, und über eine Mauer, die einer späteren Bauphase entstammt, schlendern wir rüber zum zweiten talayotischen Ensemble. Hier liegen die hoch aufragenden Ruinen des Dorfes wie ein Bauplan zu den Füßen des Besuchers.

Außerhalb des Dorfkerns sind die Felder und Wälder mit weiteren rätselhaften Bauten durchsetzt, darunter in unmittelbarer Nachbarschaft die Kultstätte Capocorb d’En Jaquetó. Man kann wie bei anderen verlassenen Städten und Dörfern nur darüber spekulieren, aus welchen Gründen dieser Ort ab dem Mittelalter für Siedlungen unattraktiv wurde.

Definitiv attraktiv ist das WC-Gebäude. Dafür überquert man mit großer Vorsicht, um nicht von den hier vorbeisurrenden knallbunten Radlerpulks in vertikale Scheiben geschnitten zu werden, die Straße und nähert sich einem massiven Gehöft, dessen winzige Fenster mit schräger Laibung auf ein Alter jenseits der 300 Jahre hinweisen. Dort steigt man hinunter in ein “Klogewölbe”, das den passenden Kontrapunkt zu einem der spekakulärsten archäologischen Erlebnisse Mallorcas bietet.

Mallorca Zeitung Nr. 145, Februar 2003