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Das kleinste Theater des Reichs

 

Historischer Spaziergang durchs Römische Palma: Müll vor der Mauer und Gladiatoren bei McDonald’s

 

Magdalena Riera ist eine kleine Frau mit wachsamen Augen, die genau auf der richtigen Höhe liegen, um alte Mauerinschriften zu entdecken. Früher waren die Menschen ja generell kleiner, da harmonisiert Palmas Stadtarchäologin perfekt mit denen, deren Spuren sie seit 1991 hauptamtlich nachjagt.

Magdalena ist die ideale Begleiterin auf dem Weg durch das Palma der Römer, über das, seufzt sie, “schrecklich wenig bekannt ist”. Das hat unter anderem damit zu tun, dass an den besonders interessanten Orten nur selten gegraben werden darf. Ein solcher Ort wäre die Almudaina, die übrigens – erstes Dementi – niemals der Ort des ersten römischen Castells gewesen sein kann, denn der Bau steht auf einer künstlich aufgeschütteten Terrasse, deren Stützmauern islamischer Herkunft sind.

Woher man das weiß? Weil die Straße Conquistador den Leibwächtern des spanischen Königs einen Meter zu schmal ist.

Palmas Geschichte, man merkt es schon, ist ein Abenteuer, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart vermischen. Da die Straße Conquistador zu schmal ist, um die Sicherheit des Monarchen zu garantieren, suchten die Königsschützer nach anderen Zugangswegen zum Almudaina-Palast, bekanntlich die offizielle Residenz des Monarchen auf Mallorca. Die Lösung: Ein Aufzug, der den König direkt vom Parc de la Mar in seinen Palast hievt. Bevor die Techniker loslegten, durfte Magdalena mit ihren Geschichtsschürfern ran, denn der Aufzug sollte just zwischen die beiden mächtigen Mauern der Basis gelegt werden. Bei dieser einzigen Grabung, die jemals in der Almudaina bewilligt wurde, wurde einwandfrei belegt, dass die Basis und der Palast islamischen Ursprungs sind.

Wo bleiben dann die Römer? Gleich hinter McDonald’s am Borne zum Beispiel. Wenn man Magdalena Riera nach jenen Orten fragt, wo sie am liebsten graben würde, lässt sie den Häuserblock hinter der Bic Mäc-Abfüllstation aus, weil der Fall absolut klar ist. Haben die Römer auch wenige materielle Spuren hinterlassen, im Stadtplan von Palma, vor allem den detaillierten Haus- und Bezirksplänen, sind sie präsent. Vor einigen Jahren trat ein Architekt namens Luis Moranta mit einer Theorie an die Öffentlichkeit, die sich auf Luftaufnahmen und Grundrisspläne des Häuserblocks zwischen den Straßen Borne, Jovellanes, Brondo und Paraires abstützt. Moranta war aufgefallen, dass die Gruppierung der Häuser rund um einen nahezu kreisrunden Patio den Dimensionen des Römischen Theaters von Mallorcas Römerhauptstadt Pollentia entspricht, übrigens das kleinste Theater des Imperiums. Würde Palmas Theater ausgegraben und sein Fund somit offiziell bestätigt, es würde diesen Ehrentitel übernehmen, denn es hatte den Berechnungen der Experten zufolge einen Rang weniger.

Ähnlich klar liegt der Fall, wenn es um Teilstücke der Römischen Stadtmauer geht. Die Wachtürme schlagen sich bis heute in den Grundrissen der beiden Häuserreihen zwischen Zanglada und Morey nieder, ja mehr noch: die massiven Turmfundamente sind noch erhalten, allerdings nicht öffentlich zugänglich oder einsehbar. Magdalena Riera konnte sich in den Patios und Kellergewölben einiger Häuser umsehen und stieß dabei auf Strukturen, die sie eindeutig als Sockel Römischer Wehrtürme identifizierte. Manche Besitzerfamilien wussten bereits um die Bedeutung der merkwürdigen Gebilde, die scheinbar sinnlos aus den Grundmauern ragten.

Nur an drei Orten tritt das Römische Palma noch ans Tageslicht. Der bekannteste ist der Almudainabogen. Genau hier befand sich eines der römischen Stadttore. Der Bogen selbst ist relativ neu, er wurde im 14. Jahrhundert neu aufgebaut, nachdem er wieder mal zusammengebrochen war. Doch direkt daneben wurde ein Grundstück freigelegt und in der Verlängerung des Bogens ist ein Teil der alten Stadtmauer zu sehen.

Der zweite Ort ist der Garten des Bischofspalastes, der momentan wegen der Bauarbeiten gesperrt ist. Wer von der Gasse Sant Pere Nolasc eintritt, erspäht direkt linkerhand die mächtigen Quader der zweitausend Jahre alten Mauer. Das römische Stadttor, das sich hier über die Gasse Sant Pere Nolasc spannte, stand noch bis ins 18. Jahrhundert und wurde letztendlich abgetragen, weil es für die Bahren der “Corpus”-Prozession zu klein war. Wären die Gläubigen beim Durchbugsieren ihrer Kultgegenstände ein wenig in die Knie gegangen, Palma hätte heute noch ein original Römisches Stadttor. Aber die Bürger dieser Stadt sind vor Zeugnissen der Geschichte noch selten in die Knie gegangen.

Der dritte Ort befindet sich im Museum der Kathedrale, tausende Besucher sehen ihn, latschen darauf herum und haben keine Ahnung, worum es sich handelt, weil kein Schildchen es erklärt und weil der Blick schon auf die Regale des Souvenirladens gerichtet ist. Durch eine Glasscheibe im Boden sind die drei Sockel zu sehen, auf denen drei Römische Götterstatuen standen, die eine Straße schmückten. Die Skulpturen waren ungefähr in der Größe der Stadtarchäologin angefertigt, denn nur ein einziges Marmorhändchen wurde gefunden, und das war, wie ein Jahrtausende überspannendes Shakehand erwies, genauso groß wie Magdalena Rieras Hand.

Hier wird deutlich, in welcher Tiefe damals die Römischen Gassen verliefen, und durch die Glasscheibe des Dommuseums-Ausgangs sieht man eine kerzengerade Gasse, “Sant Roc”, eine der ganz wenigen, die bis heute dem original Römischen Gassenverlauf folgen. Um sich eine Vorstellung von der Ausdehnung des Römischen Palma zu machen, muss man sich ein Fünfeck aus Kathedrale, Bischofspalast, Straße Palau Reial und den stadtauswärts liegenden Häuserreihen an den Straßen Almudaina und Zanglada denken. Die Gassen Morey und Portella waren ein Sturzwassergraben direkt vor der Wehrmauer, in den die Städter, schon damals rechte Ferkel, ihren Müll kippten. Diesem Umstand verdankt Magdalena Riera ihren bedeutendsten Fund von Keramik- und Knochenresten.

Palma war, auch wenn’s weht tut, keine bedeutende Stadt im Römischen Reich. Mallorcas Hauptstadt war Pollentia (“Stärke”), aber das rund 6 Hektar große Palma (“Sieg”)  ist als Stadt Römischen Rechtes dokumentiert, eine original im Museo de Mallorca und als Kopie im Stadtgeschichtemuseum im Schloss Bellver gezeigte Steintafel belegt das.

Besser gesagt: Belegt es einigermaßen, denn eine zeitgenössische Inschrift mit dem kompletten Namen “Palma” haben die Archäologen bis heute nicht gefunden, lediglich der Anfangsbuchstabe “P” ist eingemeisselt. Der kollektive Alptraum der Wissenschaftler besteht denn auch darin, eines Tages könnte eine Steinplatte auftauchen, die einen ganz anderen mit “P” beginnenden Namen erwähnt.

Mallorca Zeitung Nr. 100, April 2002