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Die jüdische Literatur des 20. Jahrhunderts kennt herausragende Autoren, die blendendes Erzählen mit profunder und religiös geprägter Lebensweisheit verbinden (speziell Chaim Potok und Isaac Bashevis Singer). Die Amerikanerin Naomi Ragen versucht an diese Erzähltradition anzuschließen, und gemessen am Erfolg ihres Buches “Das Tagebuch der Hannah Mendes” in Israel, wo der Roman laut Verlagswerbung neunzig Wochen lang auf den Bestsellerlisten stand, ist ihr das gelungen.

Für den nichtjüdischen Leser ist dieser Erfolg schwerer nachvollziehbar als die universelle Attraktion eines Potok oder Singer. Im “Tagebuch der Hannah Mendes” verbindet Ragen die Geschichte moderner US-Juden mit der Odyssee einer historischen Figur während der Judenverfolgung des Mittelalters. Sie stellt das oberflächliche, materialistische Dasein im New York der Gegenwart den tradierten Werten ihrer Kultur gegenüber und entwickelt daraus eine Geschichte, die sich durchaus spannend liest, jedoch in eine unsagbar süßliche Hymne auf die jüdische Religion und Tradition mündet.

Gerade nichtjüdische Leser könnten sich versucht fühlen zu fragen, warum es “Traditionsbewusstsein” heißt, wenn Juden gegen Mischehen mit Angehörigen anderer Kulturen agitieren, und “Rassismus”, wenn das andere tun.

 

Autor: Naomi Ragen

Verlag: Lübbe

Preis:

 

Mallorca Zeitung 2002