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Das lustigste Stück der Ausstellung “Robert Graves – ein Poetenleben” ist wohl der spanische Residentenausweis des Dichters, der den Vermerk trägt: “Nicht zum Arbeiten autorisiert”. Zu jenen, die genau wussten, dass der britische Autor sich in keiner Minute seiner fast fünfzig spanischen Jahre an diese Auflage hielt, gehörte der damalige Minister für Information und Tourismus, Manuel Fraga. Wann immer das frankistische Urgestein, heute Präsident der galicischen Regierung, Mallorca aufsuchte, stand ein Besuch bei Graves auf dem Programm. Ein Brief des mächtigen Fraga belegt, dass Robert Graves die Beziehung zum Nutzen “seines Dorfes” ausnutzte: Der Poet drängte den Minister, Deià endlich ans Stromnetz anzuschließen.

Anekdotisches Material wie dieses komplettiert das Bild eines Menschen, der wie kaum ein anderer das bei Künstlern und Intellektuellen so beliebte “andere Mallorca” verkörpert. Bei der Ausstellung in Ses Voltes geht es um mehr als um Graves oder Mallorca. Es geht um die exemplarische Darstellung einer Person, die das Paradies im Inneren wie im Äußeren sucht, und dieses für einen kostbaren Moment sogar findet. Deià in den Fünfziger und Sechziger Jahren als Treffpunkt einer Avantgarde, die das “andere Mallorca” entdeckt und genießt, noch bevor Ballermann und Magalluf einen Bedarf danach erzeugen, ist die Kulisse. Robert Graves selbst, der dank seines freiwilligen Rückzugs von der Szene eine literarische Karriere und intensives Familienleben miteinander vereinbaren kann, ist der Protagonist. Wenn etwas das Geheimnis des Glücks vermittelt, dann sind es die atemberaubend schönen Schwarzweißfotografien großen Formats, die den Besucher im ersten Saal auf eine Entdeckungsreise durch das Leben eines Lebenskünstlers einstimmen. In Worte gefasst würde das Rezept wohl Schlichtheit und den Zauber des Moments beinhalten. Und Liebe, natürlich.

Aber auch die kleinen Entdeckungen lohnen den Ausflug in die Gewölbe von Ses Voltes. In einem der dort präsentierten Videofilme erklärt Graves, neben Gertrude Stein sei es ein gewisser Oberst Lawrence gewesen, der ihm dringend empfohlen hätte, nach Spanien zu gehen – kein anderer als der berühmte Lawrence von Arabien. An anderer Stelle zeigt ein Ferienfoto Robert Graves’ noch kleinen Sohn Guillem mit einem gleichaltrigen Jungen, der sich im Bildtext als Stephen Hawking entpuppt.

Originalmanuskripte zeigen, wie mühsam die Arbeit des Poeten ist, und Originalbriefe belegen seinen Kontakt mit Berühmtheiten in aller Welt: Ingrid Bergman, Pearl S. Buck, Margareth Thatcher, Moshe Dayan, unter anderen. Beispielhaft demonstriert die Ausstellung, wie man in einem winzigen Bergdorf auf Mallorca eine Weltkarriere abwickelt. In Graves’ Haus waren zahlreiche Berühmtheiten zu Gast, Deià wurde zum Pilgerort – auch deshalb hat ihn die Gemeinde 1967 zum Adoptivsohn ernannt.

Eine Ehre, die keinen Falschen traf, und auch von seiten der Bürger von Deià kein Gramm Heuchelei enthielt. Graves kam 1929 erstmals nach Mallorca, schrieb hier seinen Bestseller “Ich, Claudius, Kaiser und Gott”, investierte einen Teil seines Vermögens in den Kauf zweier Häuser und musste 1936, bei Ausbruch des Bürgerkriegs, mit lediglich einem Koffer Gepäck auf einem britischen Kriegsschiff fliehen. Zehn Jahre später kehrte er zurück und fand sein Haus so vor, als hätte er es nur ein paar Tage verlassen: Der Hausrat, das Geschirr, die Möbel, die Papiere – alles war an seinem Platz. Nur im Garten waren in der Zwischenzeit dort, wo er vor dem Krieg achtlos Fruchtkerne weggeworfen hatte, Bäume gewachsen.

Die Zeitspanne zwischen 1936 und 1946 empfand Graves, obwohl er im heimischen England lebte, als “Exil”. Seine Rückkehr in Begleitung seiner zweiten Frau Beryl Pritchard, mit der er – wie schon mit seiner ersten Gattin Nancy Nicholson – vier Kinder haben sollte, markierte den Beginn einer legendären Epoche.

Graves starb 1985, nach eintausend Gedichten, die sich schwer hätten besser schreiben, und neunzig Jahren, die sich schwer hätten besser leben können.

 

Thomas Fitzner

 

Mallorca Zeitung 2003