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In seinem tragisch kurzen Leben hat Jacobo Sureda Montaner, ein Abkömmling der kulturvernarrten und dadurch ruinierten Sureda-Familia aus Valldemossa, eine Ahnung davon hinterlassen, was er mit mehr als 34 Jahren zu seiner Verfügung hätte anstellen können. Doch trotz des frühen Todes 1935 durch Tuberkulose ist dieser vielseitige Künstler im kulturellen Erbe der Insel präsent, wie die Aktivitäten zu seinem hundertjährigen Geburtstag belegen. Zum Teil erstmals öffentlich gezeigte Werke, die den Künstler und die Persönlichkeit Sureda beleuchten, sind bis 7. Dezember in der Fundación Barceló zu sehen. Dort, in der Verbindungsgasse zwischen Rambla und Borne, eröffnet sich dem Besucher ein ungewohntes Panorama, denn in dieser von Suredas einziger Tochter Pilar zusammengestellten Ausstellung ist einer ebenso selten gezeigten wie attraktiven Facette des Künstlers breiter Raum gegeben: Zeichnungen, die Vater Sureda in seinen letzten Lebensjahren für seine Tochter anfertigte. Hier kreiert ein Mann, der spürt, dass er nicht mehr viel Zeit hat, Werke, deren einziger Zweck darin besteht, ein Kind zu berühren und zu erfreuen. Wie bei vielen Künstlern kommt auch bei Sureda gerade in den “außer Konkurrenz” geschaffenen, also nicht für den Kulturbetrieb gedachten Zeichnungen eine erfrischende Ursprünglichkeit und Unbefangenheit durch: Märchenszenen, Karikaturen und Landschaften, und zwischendurch bricht sich selbst in diesen bewusst kindlichen Zeichnungen das Genie seine Bahn, sind bei der winzigen Zeichnung eines Ozeandampfers modernistische Züge, bei einem Porträt kubistische zu entdecken. Es sind Juwelen der Kunst und der Menschlichkeit, gezeichnet auf billiges Papier und für die Ausstellung collageartig zusammengestellt.

Jacobo Sureda galt als von Kunstströmungen unabhängiger Maler und Dichter. In seinen Ölgemälden fallen der grobe Pinselstrich und die Beschränkung auf das Wesentliche der Komposition unter Vernachlässigung der Details auf. Damit erzielt er wundervolle Effekte, während die Motive seine Reisefreude bezeugen und die Ausführung eine romantische Ader: Er malte Landschaften in Großbritannien, Deutschland, aber immer wieder auch Valldemossa und Mallorca.

Ebenfalls zu sehen sind Beispiele für das grafische Werk Suredas, darunter die originalen Vorlagen für Holzstiche, mit denen der polyglotte Mallorquiner seine eigenen Gedichte illustrierte. Jacobo Sureda betätigte sich auch als Journalist und war als kulturell und politisch aktiver, umtriebiger Charakter Mitglied einer Gruppe, der u.a. Miquel Angel Colomar (ihm widmete das Kulturzentrum Sa Nostra im Frühjahr eine Restrospektive), Ernesto Dethorey und Juan Alomar angehörten. Es war ein avantgardistisches Häufchen, dem es auf Mallorca bald zu eng wurde, vor allem ab 1936, als der Bürgerkrieg losbrach.

Sureda verbrachte die Hälfte seines kurzen Lebens im Ausland und heiratete eine Amerikanerin. Er starb 1935 in seinem Haus in Génova, Palma. Der bedeutende Schriftsteller Lorenz Villalonga, politisch in der entgegengesetzten Ecke zu Hause, schrieb damals: “Jacobo Sureda ist gestorben, ohne sich zu verwirklichen. Er war der Embryo eines großartigen Künstlers.”

 

Mallorca Zeitung 2001