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Als mich jüngst beim allmonatlichen Waldlauf ein Superman mit federnden Schritten und rhythmischem Pusten überholte, geriet ich ins Grübeln. Wie konnte ich mein Selbstbewußtsein, daß sich zirka auf Dackelhöhe einpendelte, wieder aufrichten?

Nachdem heute die ganzheitliche Sicht mordsmäßig „in“ ist und jedes Problem universell betrachtet werden soll, begann ich mit dem Kleinsten: dem Universum. Und stieß prompt auf die verblüffende Erkenntnis, daß dieser Kraftprotz möglicherweise langsamer war als ich.

Das ist überhaupt nicht absurd. Zum Beispiel ist es von großer Bedeutung, ob ich von Westen nach Osten oder umgekehrt laufe. Vom Weltall aus betrachtet bewegt sich einer, der Richtung Westen läuft, sogar rückwärts, weil sich die Erde mit einem Affenzahn Richtung Osten dreht. Wenn ich also – Richtung Westen laufend – von einem Superman mit federnden Schritten überholt werde, bewegt sich dieser (vom Weltall aus betrachtet) langsamer als ich. Das bedeutet: mit Rücksicht auf mein empfindliches Selbstbewußtsein ist es ratsam, sich nur bei West-Läufen überholen zu lassen, weil ich mir dabei denken kann: „Na, du Depp, du glaubst wohl, du seist schneller!?“

Dabei liegt diese Betrachtungsweise förmlich auf der Hand, die Erddrehung ist mit ein bißchen Phantasie deutlich spürbar. Stellen Sie sich einmal draußen auf die Straße, blicken Sie nach Osten und erschrecken Sie nicht, wenn ich Ihnen sage,d aß Sie sich im Überschall vorwärtsbewegen. Wenden Sie sich nach Westen, rasen Sie im Überschall rückwärts. Das macht Ihnen kein „Draken“ nach. Na, merken Sie schon, wie’s dahinsaust? (Den Fahrtwind muß man sich freilich dazudenken.)

Doch auch diese Sicht hat einen Haken. Bekanntlich fetzt die Erde um die Sonne, sodaß ein Punkt auf der Erde eigentlich eine spiralförmige Bahn um die Sonne zieht. Nun bewegt sich aber auch unser ganzes Sonnensystem, weil alles im Weltraum im Höllentempo auseinanderstrebt, als wolle niemand vom anderen etwas wissen. So kann es, vom absoluten Nullpunkt in diesem unseren Universum aus gesehen, durchaus sein, daß Sie sich, gemütlich auf einer Bank sitzend, schneller bewegen als der vorüberkeuchende Jogger. Faszinierend: die Parkbank als Donnerstuhl.

Aber nicht einmal jetzt besteht letzte Klarheit: Wer sagt denn, daß unser ganzes Universum nicht mehr ist als eine Murmel in der Spielzeugkiste eines gewaltigen Über-Ichs (englisch: Over-Ei). Und wenn das Über-Ich Murmeln spielt, geraten überhaupt alle Berechnungen durcheinander, und keiner weiß mehr, wie schnell oder wie langsam er wirklich ist.

Das hat sogar politische Konsequenzen. Wozu sich gegen Tempo 80/100 auflehnen, wenn es theoretisch möglich wäre, daß der größte Turboschädel, der mit Vollgas über die Rheinautobahn düst, langsamer ist als ein klappriger Traktor auf einer Bergwiese im Hinteren Bregenzerwald? Was das für einen Frust bedeutet! Soviel Geld ausgeben für GTI und Rennfelgen, und am Schluß rechnet einer aus, daß man trotz Vollgas der einzige Punkt im Weltall ist, der sich – relativ betrachtet – überhaupt nicht vorwärtsbewegt.

Man fragt sich natürlich auch als Jogger: Wozu überhaupt die ganze Mühe? Ich rase stehen mit 143.752,8 km/h durchs All, und joggend mit 143.771,6 km/h. Das bißchen Differenz soll den Schweiß wert sein? Eine tiefe Motivationskrise sucht mich heim. Ein Schuß Philosophie hat meinen Bewegungsdrang brutal niedergestreckt. Superman hopst mir bereits wieder entgegen und grinst. Keine Ahnung hat der von relativer Geschwindigkeit, Erddrehung und Murmelspiel. Aber er fühlt sich wohl.

Wenn der innere Schweinehund ein Intellektueller ist, kommt man aus dem Diskutieren gar nicht mehr raus. Darum renne ich wieder los. Letztendlich kann mir das große Universum – bei allem Respekt – vollkommen wurst sein, denn mein Kreislauf steht mir näher als der Planet Yxlizyx und das schwarze Loch beim Plejaden-Nebel.A uch auf die Gefahr hin, vom Universum her betrachtet langsamer zu werden – ich renne.

 

Glosse in der Neuen Vorarlberger Tageszeitung, 9. August 1985