Ganz sachte schiebt Espido Freire, eine junge baskische Journalistin, in ihrem Erstlingsroman “Die Cousine” eine Geschichte an, die zwar vom ersten Augenblick an ihr tragisches Potenzial enthüllt, jedoch bis zum Schluss behutsam Spannung akkumuliert und dann explodiert. Der Handlungsfaden klingt einschläfernd: halbwüchsiges Mädchen, dessen Schwester vor kurzem einer Krankheit erlegen ist, wird auf das Landgut von Verwandten geschickt, um dort gemeinsam mit einer Cousine den Sommer zu verbringen.

Die Cousine freilich, mit dem schönen Namen Irlanda, hat es in sich. Sie ist Engel und Teufel in Person, ein bildhübsches Wesen, das seine Umwelt auf sehr weibliche, subtile Weise dominiert.

Die Hauptperson Natalia durchlebt alle Phasen des Außenseitertums: anfängliche Herzlichkeit, gegenseitiges Abtasten, erste Spannungen, dann der verdeckte und zuletzt der offene Machtkampf. Die isolierte Bühne des Geschehens – ein abgeschiedenes Landhaus – und die Allmählichkeit des Dramas verraten das solide Handwerk der Autorin. Freire verleiht dieser Geschichte überraschende Wendungen, die Erzählung verlässt trotz des von Beginn weg präsenten Todesthemas nie den Pfad der alltäglichen Banalitäten und hält den Leser fest im Griff.

 

Autor: Espido Freire

Verlag: dtv

Preis: 9 €

 

Mallorca Zeitung 2002